Arundhati RoySchreibstil
Geboren 11/24/1961
Kopple ein scheinbar kleines Detail an eine große Konsequenz, damit dein Text gleichzeitig sinnlich bleibt und moralisch Druck aufbaut.
Schreiben wie Arundhati RoyÜbersicht zum Schreibstil
Übersicht zum Schreibstil von Arundhati Roy: Stimme, Themen und Technik.
Die Lebensmittelkontrolle beanstandet die Bananenmarmelade von Paradise Pickles and Preserves. Zu dünn für Gelee, zu dick für Marmelade. Für diese Konsistenz gibt es keine Vorschrift, und Roy lässt den Befund im Roman liegen, bis er zum Urteil über eine Familie wird, deren Zuneigungen ebenfalls in keine erlaubte Kategorie passen.
Das erste Kapitel von Der Gott der kleinen Dinge begräbt Sophie Mol, teilt mit, dass Velutha tot ist, und zeigt, dass Estha nicht mehr spricht. Danach lässt sich das Buch nicht auf den Hergang hin lesen. Es bleibt die Abrechnung: welche kleine Erlaubnis wann und von wem erteilt wurde, wer in welchem Moment wegsah und welche Regel darüber, wer wen lieben darf und wie sehr, dabei geschützt wurde. Roy nennt diese Regel die Liebesgesetze, und sobald sie einen Namen hat, lässt sich jede Szene an ihr messen.
Die Zwillinge sind 1969 sieben Jahre alt. Sie nehmen genau wahr und verstehen etwa die Hälfte. Genau daraus entsteht die Wirkung, denn die Lesenden setzen den Missbrauch eines Kindes, einen Kastenmord und den Ruin einer Mutter aus Details zusammen, die die Erzählstimme nicht erklärt. Als Strafe für Malayalam müssen die Kinder hundertmal schreiben, dass sie immer Englisch sprechen werden. Die Strafe sagt zugleich etwas über die Sprache des Romans.
Das Ministerium des äußersten Glücks arbeitet mit demselben Instinkt in anderer Tonlage. Anjum verlässt das Khwabgah und zieht auf einen Friedhof, wo sie zwischen den Gräbern ihrer Familie Zimmer an Lebende vermietet. Um diese Adresse baut sich der Roman aus dem Bericht eines Geheimdienstmannes, aus Urdu-Versen, einem Notizbuch aus Kaschmir und einer Namensliste der Protestierenden am Jantar Mantar. Roy hat Architektur studiert. Beide Romane sind konstruiert und nicht erzählt, und ihre Essays über die Atomtests von Pokhran, über die Staudämme an der Narmada und über drei Wochen bei maoistischen Guerillas im Wald von Dantewada führen offen den Streit, den die Romane lieber anordnen.
Schreiben wie Arundhati Roy
Schreibtechniken und Übungen, um Arundhati Roy nachzuahmen.
- 1
Schreib das Ende auf die erste Seite und liste dann die Erlaubnisse
Suche das Ereignis, das dein Entwurf schützt, den Tod, den Weggang, das Geständnis, und nenne es auf den ersten Seiten nüchtern. Danach kann niemand mehr auf den Hergang hin lesen. Schreib jetzt auf, welche kleinen Erlaubnisse nötig waren, damit es geschehen konnte, eine Zeile pro Erlaubnis, in der Reihenfolge, in der sie erteilt wurden. Diese Liste ist deine Kapitelfolge. Prüfe dann jedes Kapitel darauf, was die Lesenden dort befürchten. Findet sich nichts, hast du über Vergangenheit geschrieben und nicht über den Preis.
- 2
Trenne Wahrnehmung von Deutung
Nimm deine am wenigsten informierte Figur und schreibe eine Szene mit voller Wahrnehmungsschärfe. Jedes Geräusch, jede Oberfläche, jeder Satz der Erwachsenen kommt an, die Deutung bleibt halb oder falsch. Den Rest erledigen die Lesenden, und daraus entsteht die Spannung. Estha gibt den Mann hinter der Getränketheke genau wieder und hat kein Wort für das, was dieser Mann mit ihm tut. Halte die Wahrnehmung präzise und den Schluss unvollständig. Sobald die Figur die Szene erklärt, ist der Effekt ausgegeben.
- 3
Nimm der Erzählstimme die eigenen Wörter weg
Markiere auf einer Seite deiner Er-Erzählung jedes Wort, das dir gehört und nicht der Figur, die dort gerade steht. Ersetze einige davon durch deren eigene Formulierungen, auch die gespreizten, die falschen, die geliehenen. Setze kein dachte er und kein fühlte sie daneben. Wer nicht entscheiden kann, wem ein Wort gehört, liest weiter, und der Satz trägt das Selbstbild der Figur ohne eine Zeile Innenschau. Billiger bekommst du zwei Perspektiven nicht in einen Satz.
- 4
Hol die Formulierung zurück, wenn sie mehr kostet
Wähle eine Formulierung, einen Geruch oder einen Gegenstand aus einer frühen Szene und gib ihm dort eine sichtbare Aufgabe. Führe danach eine Liste aller späteren Auftritte. Bei jeder Wiederkehr veränderst du genau eine Größe: was die Lesenden wissen, was die Figur getan hat, oder wer im Raum ist. Die Wörter bleiben gleich, der Preis steigt. Baxters Warnung gehört über diese Liste, denn ein schlechter Reim ist schlimmer als kein Reim. Wenn eine Wiederkehr nichts auf die Rechnung setzt, streich sie und behalte den ersten Auftritt.
- 5
Mach aus jedem Abstraktum eine Transaktion
Nimm den Begriff, um den dein Entwurf kreist, und streiche ihn. Kaste, Klasse, Scham, was auch immer, das Wort geht raus. Schreibe die Regel dann als etwas, das Körper tun: wer draußen wartet, wer als zweiter bedient wird, welche Tür ein bestimmter Mann benutzen muss, wer den Boden hinter sich wegwischt, damit von seinen Fußspuren nichts bleibt. Roy gibt Veluthas Vater das Wegwischen, und die Lesenden verstehen die Ordnung ohne den Fachbegriff. Wenn die Szene drei oder vier solche Transaktionen geliefert hat, hast du genau einen Satz verdient, in dem das nackte Wort stehen darf.
Arundhati Roys Schreibstil
Aufschlüsselung von Arundhati Roys Schreibstil: Satzstruktur, Ton, Tempo und Dialog.
Satzstruktur
Ihre langen Sätze reihen, sie unterordnen nicht. Ein Glied benennt eine Sache, das nächste die Sache daneben, und der Druck entsteht aus Häufung statt aus Syntax. Dann hört sie auf. Ein Satz aus vier Wörtern steht allein und rahmt die ganze Flut neu. Roy schweißt außerdem Wörter zusammen, wenn eine Wahrnehmung keine Fuge hat, etwa bei staubgrünen Bäumen oder beim sauermetallischen Geruch einer Busstange, und Esthas Später fällt in zwei Teile, sobald er zu viel Zeit zum Nachdenken bekommt. Satzlänge ist bei ihr Platzierung. Sie folgt der Temperatur der Szene und nicht einer Regel über Abwechslung. Lies laut, dann hörst du es. Die lange Strecke verführt. Der kurze Satz spricht das Urteil.
Wortschatz-Komplexität
Zwei Sprachen liegen übereinander, und Englisch ist bei Roy nie die neutrale. Chacko trägt seine Oxford-Jahre wie ein Möbelstück vor sich her, Baby Kochamma bestraft die Zwillinge für Malayalam, und daneben bleiben Wörter unübersetzt stehen, mundu, veshya, Naaley, die man aus ihrer Stellung im Satz lernt. Die zweite Schicht gehört den Kindern. Sie schreiben groß, was sie erschreckt oder begeistert, weshalb aus einem Mann hinter einer Theke der Orangedrink Lemondrink Man wird und aus Chackos locus standi ein Locusts Stand I. James Wood nennt diese Übernahme fremder Wörter in die Erzählstimme erlebte Rede und führt sie auf Joyce zurück, dessen Onkel Charles sich in genau dem gespreizten Verb zur Latrine begibt, das Onkel Charles für sich selbst gewählt hätte. Roy treibt das Verfahren in die Typografie, und deshalb kann eine kindliche Wortschöpfung am Ende des Buches einen Toten tragen.
Ton
Der Ton hebt die Stimme nicht. Auf der Polizeiwache in Kottayam tippt der Inspektor mit dem Schlagstock gegen Ammus Brüste, behutsam, so wie ein Mann Mangos in einem Korb prüft, und die Prosa empört sich nicht an Stelle der Lesenden. Diese Ruhe ist die Aussage, denn sie macht die Geste zur Routine und nicht zum Ausnahmefall. Komik steht eine Zeile neben Gewalt, und keines von beidem hebt das andere auf. Baby Kochammas Zierpflanzen und Jahre später ihr Satellitenfernsehen bleiben komisch, so wie Ruin komisch sein kann. Geurteilt wird trotzdem. Roy wartet, bis die Szene ihre Beweise geliefert hat, und dann erledigt ein kurzer, flacher Satz das Urteil. Wer sich an eine üppige Prosa erinnert, findet das Üppige beim Nachschlagen oft nicht wieder.
Tempo
An einem Tag kann sich alles ändern. Dieser Satz kommt früh und dann immer wieder, also warten die Lesenden auf einen Tag, der längst vergangen ist, und Neugier wird zu Beklommenheit. Innerhalb einer Szene verlangsamt Roy bis auf die Breite einer Geste: das blattförmige Muttermal auf Veluthas Rücken, das die Familie für ein Glückszeichen hält, eine Hand auf einer Fabrikstange, der Geruch eines alten Busses. Dann überspringt ein Nebensatz die Jahre von 1969 bis in die Gegenwart. Klinkenborgs Aufforderung, die Chronologie zu verweigern, beschreibt ihre Reihenfolge genau, denn sie erzählt in der Ordnung, in der Erinnerung ausgibt, und stellt damit die Folge vor die Ursache.
Dialogstil
Gesprochenes ist bei Roy hörbare Rangordnung. Chacko hat eine Vorlesestimme und eine Reihe von Oxford-Launen, und die Familie erkennt am Register, was kommt, bevor der Inhalt fällt. Comrade Pillai verhandelt Veluthas Zukunft beim Tee und bleibt bei vollkommener Höflichkeit unbrauchbar. Was gesagt wird, ist meist kleiner als das, was auf dem Spiel steht. Der Druck liegt darin, wer ein Gespräch eröffnen darf, wer es beendet, wessen Englisch korrigiert wird und über wen in dessen Anwesenheit gesprochen wird. Die Zwillinge führen ganze Dialoge, indem sie Wörter von hinten lesen. Das sieht nach Spiel aus. Es ist auch ein privater Kanal in einem Haus, in dem der öffentliche teuer ist.
Beschreibungsansatz
Pappachi entdeckt eine Motte. Die Ehre bekommt ein anderer, er bleibt bis zu seinem Tod verbittert, und die Motte verlässt daraufhin die Entomologie und wird zu dem kalten Tier mit den dichten Büscheln, das sich auf Ammus Herz setzt, sobald sie Angst hat. So arbeitet Beschreibung in beiden Romanen. Ein Gegenstand tritt als Einrichtung auf, wird später als Werkzeug benutzt und am Ende als Beweisstück vorgelegt. Am Fluss lässt sich das am besten nachlesen. 1969 schwimmen Kinder im Meenachal, in der Gegenwart ist er ein zäher Graben hinter einem Hotel, dessen Abwasser im selben Wasser landet. Roy muss über Ayemenem nichts behaupten. Sie hat den Fluss zweimal beschrieben und lässt die Lesenden subtrahieren.
Charakteristische Schreibtechniken
Charakteristische Schreibtechniken im Werk von Arundhati Roy.
Die Liebesgesetze
Roy erhebt die Beschränkung zum Eigennamen. Statt eine Szene über Kaste und Begehren zu schreiben, benennt sie die Regel, die festlegt, wer wen lieben darf, wie und wie sehr, und danach lässt sich jede Beziehung im Buch an einem Gesetz messen, das die Lesenden mitsprechen können. Der Gewinn ist Ökonomie. Eine benannte Regel braucht keine Wiederholung, also zählt ein Blick zwischen zwei Menschen als Verstoß, ohne dass ein Absatz Kontext nachkommt. Schwierig ist die Herkunft des Namens. Er muss klingen wie etwas, das die Familie über sich selbst sagt, und Roys Formel tut das, weshalb sie diejenigen belastet, die sie benutzen.
Der sinnliche Anker
Wenn die Chronologie bricht, legt Roy einen körperlichen Gegenstand auf beide Seiten der Lücke. Das blattförmige Muttermal auf Veluthas Rücken, der sauermetallische Geruch einer Busstange, eine Spielzeuguhr, auf die zehn vor zwei gemalt ist: Der Körper merkt Kontinuität, während der Kalender springt. Eine gebrochene Reihenfolge verzeihen Lesende, einen verlorenen Faden nicht, und der Anker hält den Faden. Die Wahl ist die Arbeit. Der Gegenstand muss in der Szene eigene Geschäfte haben, sonst wirkt er wie ein Wegweiser, und ein Wegweiser verrät, dass die Autorin fürchtet, man käme ihr nicht nach.
Die Inventur der Macht
Hierarchie erscheint bei Roy als Folge kleiner Transaktionen. Wer eingießt, wer wartet, wer berührt werden darf, wessen Name gekürzt wird, wer seine Fußspuren hinter sich wegwischen muss. Mammachi erinnert sich an eine Zeit, in der Paravan genau das rückwärts kriechend taten, und dieses Detail klärt die ganze Frage, was Veluthas Anwesenheit im Haus bedeutet. Das Werkzeug übersetzt eine Sozialordnung in Handlung auf Szenenebene und hält die Kritik damit in der Geschichte. Zu viel davon ergibt eine Checkliste. Die Disziplin besteht darin, jede Transaktion an etwas zu binden, das eine Figur in diesem Moment will.
Kapitelüberschriften aus dem Mund der Figuren
Sieh dir ihr Inhaltsverzeichnis an. Pappachi's Moth, Abhilash Talkies, Wisdom Exercise Notebooks, The Cost of Living: Die Überschriften kommen aus dem Wortschatz der Familie und nicht aus der Zusammenfassung einer Erzählstimme. Damit sind die Lesenden vor dem ersten Satz eines Kapitels im Idiom des Hauses, und die Titel sind zugleich das Register des Motivsystems, weil jeder ein Ding benennt, das zurückkommt. Der Trick ist billig zu kopieren und leicht zu verderben. Ein Titel aus dem Mund einer Figur muss eine Wendung sein, die diese Figur wiederholen würde, sonst hängt Schnurriges über der Tür.
Ein Schweigen, an dem die Erzählung weiterarbeitet
Estha spricht nach der Polizeiwache nicht mehr. Roy behält ihn trotzdem in voller Auflösung im Buch, beim Einkaufen, beim Putzen, beim Zuhören, also bekommen die Lesenden ein Bewusstsein ohne Dialog. Das löst ein Problem, das viele schlecht lösen, nämlich wie man eine Figur hält, deren Position Verweigerung ist. Trauer, die redet, wird Erklärung. Trauer, die weiterarbeitet, Gemüse kauft und ihre Wäsche wäscht, bleibt im Raum, und den Schmerz liefern die Lesenden. Dafür braucht es genaue körperliche Prosa, denn aus etwas anderem besteht eine stumme Figur nicht.
Große Dinge, kleine Dinge
Der Titel nennt ihre Maßstabsregel. Geschichte, Staat, Kaste und Partei gehören zu den großen Dingen, und die Handlung vergibt Roy an die kleinen: ein Boot, ein Einweckglas, eine Spielzeuguhr, zwei Kinder und ein Zimmermann. Die großen Kräfte bleiben als Druck im Buch, getragen werden die Ereignisse von den kleinen. So handelt ein Roman über eine politische Ordnung am Ende von einer Mutter und einem Mann, der Dinge reparieren kann. Die Umkehrung ruiniert die meisten politischen Romane. Zu übernehmen ist die Zuweisung selbst, denn wer vorab entscheidet, welcher Maßstab die Handlung trägt, hat hundert spätere Fragen danach beantwortet, was eine Szene darf.
Stilmittel, die Arundhati Roy verwendet
Stilmittel, die Arundhati Roys Stil definieren.
Prolepse, das Ende zuerst
Roy gibt den Ausgang früh heraus und verbringt den Roman mit dem Mechanismus. Sophie Mols Begräbnis steht im ersten Kapitel, lange bevor die Erzählung beim Ertrinken ankommt, also liest man jede folgende Freundlichkeit als Schritt darauf zu. García Márquez beginnt Hundert Jahre Einsamkeit vor dem Erschießungskommando, und zwar aus demselben Grund, denn Vorwissen verwandelt Spannung in Unausweichlichkeit, und für ein Familienbuch ist das der stärkere Motor. Der Preis ist Desorientierung. Roy zahlt ihn mit Refrains, wiederkehrenden Gegenständen und einer emotionalen Frage, die jeden Sprung überlebt. Lineare Chronologie hätte aus dem Ende eine Pointe gemacht. Angekündigt wird es zum Urteil, dessen Zustandekommen man mitliest.
Kindliche Wahrnehmung, erwachsene Folgen
Die Zwillinge sind das Instrument des Buches, nicht sein Thema. Roy gibt ihnen scharfe Sinne und ein halbes Wörterbuch, also erhalten die Lesenden die Daten und leisten die Deutung, die die Kinder nicht leisten können. Faulkner hat den ersten Teil von Schall und Wahn auf dasselbe Prinzip gebaut, mit Benjy, der alles registriert und nichts einordnet. Roys Fassung ist milder und brauchbarer, weil ihre Kinder klug und witzig sind und nur bei dem irren, was die Erwachsenen zu verschweigen verabredet haben. Das Verfahren löst zusätzlich ein Tonproblem. Entzücken und Grauen passen in einen Absatz, wenn die wahrnehmende Instanz keine Regel dagegen kennt.
Reimende Handlung, laut gespielt
Eine Formulierung kehrt nach dem Schaden zurück, und dieselben Wörter lösen etwas anderes aus. Baxter nennt das reimende Handlung und empfiehlt kleine Dosen, weil der Reim am besten halb gehört wirkt. Nabokov gilt ihm als Gegenbeispiel, mit Symmetrien, die einen Roman zur Prüfung machen. Roy geht das Risiko bewusst ein. Ihre Refrains sind groß geschrieben, häufig und unmöglich zu überhören, weil ihr Gegenstand eine Familie ist, die ihre Rechnungen in Euphemismen führt, und die Lesenden müssen den Euphemismus sofort erkennen. Zusammengehalten wird das durch Drift. Die Wörter stehen still, die Kosten steigen.
Montage aus Dokumenten
Der zweite Roman ist aus gefundenen Formen zusammengesetzt. Der Bericht eines Geheimdienstmannes, der seinen Abschnitt selbst in der ersten Person erzählt, Urdu-Verse, ein Notizbuch aus Kaschmir, eine Namensliste der Protestierenden am Jantar Mantar, und in der Mitte ein Friedhof, auf dem Anjum Zimmer an Lebende vermietet. Diese Teile sind keine Kapitel einer Stimme. Der Zusammenhang entsteht über die gemeinsame Adresse. Daneben steht die engere Maschine des ersten Romans, in der eine Erzählstimme alle Fäden hält. Beide Bauweisen leisten dasselbe auf verschiedenen Wegen, und die zweite kauft Roy Größe ein. Ein ganzes Land kann an ein Tor kommen, und das letzte Wort hat ein Mistkäfer, der auf dem Rücken liegt, die Beine in der Luft, bereit, die Welt zu retten.
Nachahmungsfehler
Häufige Fehler beim Nachahmen von Arundhati Roy.
Die Üppigkeit kopieren und das Netz weglassen
Weil ihre Prosa als lyrisch gilt, schreiben Nachahmende mehr Bild pro Zeile und halten das für den Motor. Verloren geht die Wiederkehr. Roys bekannteste Sätze wirken, weil eine Formulierung, ein Gegenstand oder ein Etikett früher gesetzt wurde und mit einer Rechnung zurückkommt, und der schöne Satz ist ein Knoten in einem Netz, das über das ganze Buch gespannt ist. Ohne Netz ist ein schöner Satz an seiner Stelle verbraucht. Man genießt ihn, vergisst ihn, und später kassiert niemand ein. Bau die Wiederkehr zuerst als Liste, bevor du ein einziges Adjektiv verbesserst.
Zeitsprünge ohne mitgeführte Frage
Nichtlineares Erzählen ist leicht herzustellen und schwer teuer zu machen. Es wird zwischen Epochen geschnitten in der Erwartung, die Anordnung erzeuge Spannung von selbst, und dann setzt jeder Abschnitt die Lesenden zurück, weil aus dem vorigen nichts geschuldet bleibt. Roy hält unter jedem Sprung eine Frage offen, wer Velutha was angetan hat und was die Familie danach zu sagen verabredet, und ihre Abschnitte sind nach der Nähe zur Antwort geordnet. Benenne die Beklommenheit, die deine Lesenden über den Schnitt tragen. Wenn sie sich nicht in einem Nebensatz sagen lässt, ist die Struktur ein Labyrinth und keine Zündschnur.
Die Kinderperspektive auf Niedlichkeit schreiben
Eine junge Perspektive lädt zu Charme ein, und Charme senkt den Einsatz auf null. Roys Kinder bekommen Genauigkeit statt Charme, und die Genauigkeit lässt die Lesenden zusammenzucken, weil das Grauen vollständig beschrieben und unbenannt ankommt. Technisch geht es um Informationssteuerung. Das Kind erhält die Sinnesdaten und die sozialen Zeichen, die erwachsene Deutung wird zurückgehalten, und im Abstand dazwischen wohnen die Lesenden. Prüfe eine Seite mit der Frage, was die Lesenden wissen und das Kind nicht. Lautet die Antwort nichts, ist die Perspektive Dekoration geworden.
Politisches Vokabular statt der Transaktion
Ihr Ruf als politische Autorin schickt Nachahmende zu den abstrakten Substantiven, und die klingen nach Kommentar statt nach Erzählung. Das Vertrauen sinkt, weil man merkt, wenn eine Szene gebaut wurde, um einen Begriff zu belegen. Roy arbeitet von der anderen Seite. Eine Regel erscheint als etwas, das Körper tun, eine Tür, eine Warteschlange, ein mitten im Satz gewechselter Sprachraum, ein Hintereingang, den ein Mann benutzen muss, und erst wenn die Szene diesen Beweis geliefert hat, erlaubt sie sich die nackte Benennung, meist in einem einzigen Nebensatz. Ihre Essays sind der Ort für den offenen Streit. Die zwei Verfahren getrennt zu halten, ist der größere Teil des Handwerks.
Bücher
Häufig gestellte Fragen
- Wie sah der Schreibprozess von Arundhati Roy aus, besonders beim Überarbeiten?
- Zwischen ihren beiden Romanen liegen zwanzig Jahre Essays, und die sind der beste Hinweis auf ihre Arbeitsweise. The End of Imagination, The Greater Common Good und Walking with the Comrades argumentieren offen, mit Zahlen, Namen und Daten. Die Romane nehmen dasselbe Material und verweigern das Argument vollständig. Diese Differenz kannst du übernehmen, ohne etwas über ihre Fassungen zu wissen. Schreib den Fall als Essay, in deiner eigenen Stimme, so lang wie nötig, und leg den Essay dann weg. In den Roman kommt zurück, was Beweis ist, die Transaktion, der Geruch, die Regel, an die sich jemand hält. Draußen bleibt der Schluss, den die Lesenden nun selbst ziehen können.
- Wie strukturiert Arundhati Roy eine Geschichte ohne geraden Plot?
- Das Rückgrat ist eine Frage und keine Folge. In Der Gott der kleinen Dinge lautet sie ungefähr so: Wer darf wen lieben, und was tut diese Familie mit der Person, die die Regel bricht. Jede Szene bewegt sich auf diese Frage zu oder zeigt die Mechanik, die sie schützt, und darum wirkt ein Kapitel über eine Pickle-Fabrik oder über eine Kathakali-Aufführung am Tempel nicht wie ein Umweg. Im Ministerium des äußersten Glücks tritt ein Ort an die Stelle der Frage. Menschen laufen auf einem Friedhof zusammen, der ein Gasthaus geworden ist, und dieses Zusammenlaufen ist die Handlung. Beides funktioniert, weil etwas anderes als die Chronologie die Reihenfolge der Szenen entscheidet, und beides scheitert, sobald die Autorin dieses andere nicht benennen kann.
- Wie schreibt Arundhati Roy so dichte Bilder, ohne die Geschichte anzuhalten?
- Ihre Beschreibungen sind datiert. Jeder Gegenstand in Ayemenem gehört zu einem Jahr, also sagt ein Geruch den Lesenden nicht nur, wie es dort ist, sondern auch, wo sie in der Zeit stehen, und ein Absatz reiner Sinnlichkeit ist zugleich Orientierung in einer gebrochenen Chronologie. Der Fluss ist 1969 eine Sache und in der Gegenwart eine andere. Das Haus, die Fabrik und der himmelblaue Plymouth tragen ihr Jahrzehnt sichtbar mit. Dazu kommt ihre Gewohnheit, beschriebene Dinge später noch einmal arbeiten zu lassen. Prüfe deine eigenen Details mit zwei Fragen. Was sagt dieses Detail über Zeit und Ort, und welche spätere Szene braucht es? Was beides nicht beantwortet, ist Kulisse.
- Was lässt sich von Arundhati Roys Wiederholungen lernen?
- Eine Wiederholung verdient ihren Platz, indem sich die Rechnung ändert und nicht der Wortlaut. Le Guin führt Micawbers something will turn up an, das in David Copperfield jedes Mal ein wenig dunkler klingt, und Roy treibt dasselbe Prinzip weiter. Eine von Kindern erfundene Formulierung kommt nach einem Tod zurück, und die kindischen Wörter halten jetzt den Tod. Praktisch wird daraus ein Kassenbuch. Notiere jeden Auftritt deiner Formulierung und daneben, was die Lesenden in diesem Moment wissen und was es die Figur kostet. Stehen zwei Zeilen gleich da, fällt eine weg. Kunderas Regel gegen das Synonym gehört ebenfalls hierher, denn die Versuchung beim zweiten Auftritt ist die Variation, und die Variation zerstört den Effekt.
- Wie behandelt Arundhati Roy politischen Stoff, ohne dass Fiktion zum Essay wird?
- Sie gibt dem Staat eine Stimme und lässt ihn klug sein. Biplab Dasgupta, der Geheimdienstmann im Ministerium des äußersten Glücks, erzählt seinen Abschnitt selbst, in der ersten Person, und er ist witzig, selbstbewusst und ganz zu Hause in dem, was er tut. Das schadet ihm mehr als jede Anklage. Im ersten Roman entspricht dem Comrade Pillai, ein Parteimann, der Velutha höflich und aus guten taktischen Gründen fallen lässt. Keiner der beiden ist so gebaut, dass er ein Streitgespräch verliert. Die Regel darunter lautet, dass eine Idee in die Fiktion gehört, sobald sie ändert, was eine Figur an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde tut, und draußen bleibt, solange sie eine Position ist.
- Wie schreibt man wie Arundhati Roy, ohne den Oberflächenstil zu kopieren?
- Behalte deine eigenen Sätze. Übertragbar ist bei ihr eine Reihe von Steuerungen darüber, was die Lesenden wann und zu welchem Preis erfahren, und dafür braucht niemand lange Perioden oder lyrische Diktion. Jhumpa Lahiri schreibt Familienscham in viel niedrigerer Lautstärke, in schlichten Aussagesätzen, und Roys angekündigter Ausgang, ihre mitgeführte Frage und ihr driftender Refrain funktionieren auch in so flacher Prosa. Nimm eine Steuerung und führe sie durch einen ganzen Entwurf, statt an ihrer Textur zu naschen. Prüfe danach wie sie: Was befürchten die Lesenden, was wissen sie, das eine Figur nicht weiß, und welche Formulierung hat seit ihrem letzten Auftritt den Preis geändert?
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