Haruki MurakamiSchreibstil
Geboren 1/12/1949
Halte die Satztemperatur konstant, wenn das Unmögliche passiert, dann bleibt das Erschrecken beim Leser liegen und arbeitet dort weiter.
Schreiben wie Haruki MurakamiÜbersicht zum Schreibstil
Übersicht zum Schreibstil von Haruki Murakami: Stimme, Themen und Technik.
Toru Okada kocht Spaghetti, im Radio läuft die Ouvertüre zur Diebischen Elster, dann klingelt das Telefon und eine unbekannte Frau will zehn Minuten seiner Zeit. So beginnt Die Chroniken des Aufziehvogels. Erst ist die Katze weg, kurz darauf die Frau, und der Satzbau ändert sich dabei nicht um ein Grad. Genau darin liegt die Arbeit. Der Erzähler meldet das Unmögliche in der Tonlage, in der er das Mittagessen meldet, und weil er nicht erschrickt, muss das Erschrecken beim Lesenden bleiben, wo es länger nachwirkt als jede Beteuerung im Text.
An der Stelle, an der andere Bücher eine Ermittlung ansetzen, steht bei ihm ein Auftrag. Toru soll eine Katze suchen. Nakata nimmt in Kafka am Strand ein kleines Honorar dafür, dass er verlorene Katzen findet, und er findet sie, indem er Katzen fragt. In Nach dem Beben klingelt ein mannsgroßer Frosch bei einem Kreditsachbearbeiter, bittet um Hilfe gegen einen Wurm unter Tokio und nennt dafür einen Tag. Der Angestellte stellt sachliche Rückfragen. Danach fährt er ins Büro.
Aufgelöst wird nichts davon. Der Brunnen im Aufziehvogel, der zweite Mond in 1Q84, der Eingangsstein in Kafka am Strand: Kein Kapitel liefert eine Erklärung nach, und keines tut so, als hielte es eine zurück. Ein Krimi verschiebt die Antwort und rechnet mit deiner Buchführung. Murakami streicht sie und richtet die Szenen so ein, dass niemand darin Buch führt, weshalb am Ende nicht die Ursache geregelt wird, sondern das Verhältnis: wer wo lebt, wer wen wiedersieht, was jemand von morgen an tut.
Das Material der Oberfläche kommt fast durchgehend von weit her. Jazzplatten, amerikanische Romane, europäische Klassik, Whisky, belegte Brote, eine Automarke. Der Erzähler bewegt sich durch Tokio mit einer geliehenen Einrichtung, und daraus entsteht eine leichte Fremdheit im eigenen Alltag, lange bevor irgendetwas Unmögliches geschieht. Bei García Márquez ist das Wunder öffentlich, ein ganzes Dorf sieht zu und redet darüber. Bei Murakami bleibt es privat, unbezeugt, eingeklemmt zwischen zwei Erledigungen, und deshalb bleibt der Leser damit allein.
Schreiben wie Haruki Murakami
Schreibtechniken und Übungen, um Haruki Murakami nachzuahmen.
- 1
Streiche die Wörter, die Staunen anmelden
Suche im Entwurf alle Wörter, die Staunen anmelden, und streiche sie. Plötzlich. Auf unerklärliche Weise. Ich traute meinen Augen nicht. Danach schreibst du das Ereignis als Bericht: was passiert ist, in welcher Reihenfolge, aus welcher Entfernung, in wessen Hörweite. Gib dem Lesenden im gleichen Absatz eine einzige genaue Wahrnehmung zurück, eine Temperatur, einen Abstand, die Schiefe eines Geräuschs, damit die Ruhe als Aufmerksamkeit lesbar wird und nicht als Gleichgültigkeit. Dieses Paar ist der ganze Trick. Eine Stimme, die nicht erschrickt und trotzdem das kleine Falsche bemerkt, teilt mit, dass sie etwas zurückhält.
- 2
Gib dem Unmöglichen einen Auftrag mit Termin
Formuliere in einem Satz, was das Seltsame von deiner Figur will, und setze eine Frist dahinter. Der Frosch nennt einen Tag. Die Anruferin will zehn Minuten. Eine Frau bittet um ein Treffen in einer Hotellobby und kündigt an, dass sie einen roten Vinylhut tragen wird, damit man sie erkennt. Aus dieser Bitte wird eine Szene, weil eine Figur mit Auftrag durch die Stadt läuft, Termine einhält, andere verpasst und dabei über die Sache selbst nicht nachdenken muss. Schreibe die Bedingungen im Ton einer Absprache: Uhrzeiten, Bezahlung, eine Adresse, eine Telefonnummer. Alles, was daran nach Verkündigung klingt, kannst du streichen.
- 3
Setze nach dem großen Moment eine kleine Verrichtung
Nach dem unmöglichen Ereignis kommt kein Kommentar, sondern eine Verrichtung. Der Frosch verabschiedet sich, und der Angestellte fährt ins Büro. Schreibe den Absatz nach deinem großen Moment absichtlich klein: einkaufen, abwaschen, einen Anruf erwidern, den Müll hinuntertragen. Halte dabei Satzlänge und Genauigkeit stabil, damit der Text nicht signalisiert, dass gerade etwas Wichtiges vorbei ist. Diese Bremse leistet zwei Dinge. Sie hält die Figur körperlich anwesend, und sie entscheidet, dass das Ereignis kein Höhepunkt war, weshalb dieselbe Abweichung später wiederkommen darf, ohne dass du sie steigern musst.
- 4
Datiere die Szene mit drei genauen Dingen
Wähle pro Szene ein Stück Musik, ein Essen und einen Weg, und benenne alle drei so genau, dass man sie nachschlagen könnte. Setze sie ohne Bewunderung hin, in je einem knappen Satz. Bring eines davon später wieder, aber mit anderer Aufgabe: dieselbe Platte in einem Zimmer, in dem die falsche Person sitzt. Den Rest des Raums lässt du leer, denn du brauchst keine Beschreibung, sondern eine Uhrzeit. Drei benannte Dinge genügen, damit ein viertes auffällt, und mehr als drei nehmen der Abweichung den Platz weg, an dem sie wirken müsste.
- 5
Nimm eine fremde Sprache als Filter
Schreibe zwei Seiten deines Textes in einer Sprache, die du schlecht beherrschst, und übertrage sie danach zurück ins Deutsche. Der Mangel ist hier das Werkzeug. Mit dreihundert Wörtern kannst du nicht schmücken, also werden die Sätze kurz, und das Interesse wandert in Wortstellung und Tempo. Was den Rückweg übersteht, ist dein Material. Was du in der kleineren Sprache nicht sagen konntest, war meistens Möbel. Murakami hat seinen absichtlich neutralen Ton auf genau diesem Umweg gefunden, und der Umweg lohnt sich auch dann, wenn aus dem Versuch nie ein Buch wird.
Haruki Murakamis Schreibstil
Aufschlüsselung von Haruki Murakamis Schreibstil: Satzstruktur, Ton, Tempo und Dialog.
Satzstruktur
Hauptsätze in Folge, jeder mit einer Last, und die Verbindungsarbeit übernehmen Punkte statt Nebensätze. Lies einen seiner Absätze und zähle die Kommas. Es sind weniger, als die Satzlänge vermuten lässt, weil die Teile aneinandergelegt und nicht ineinandergeschoben werden, und genau das hält den langen Satz davon ab, literarisch zu klingen. Gewicht trägt der kurze Satz, und er steht nach dem Seltsamen und nicht darauf. Eine Katze hat gesprochen. Danach vier Wörter über das Wetter. Das Muster ist leicht zu beschreiben und schwer über dreihundert Seiten zu halten, denn im Moment des Einschlags greift die Hand nach dem größten Satz des Kapitels.
Wortschatz-Komplexität
Konkrete Substantive, und die meisten davon sind Dinge, die man kaufen kann. Essen, Platten, Kleidung, Geräte, Bahnhofsnamen, Getränke. Abstraktes läuft fast überall über einen Gegenstand, deshalb erreicht ein Gefühl die Seite als Temperatur oder Gewicht und nicht als Wort für das Gefühl. Auch das Seltsame kommt über Substantive. Ein Vogel, der die Welt aufzieht, ein Schafsmann, eine Glocke unter einem Steinhaufen, ein Eingangsstein: Das unmögliche Material tritt als schlichter Name für eine Sache auf, ohne dass dahinter ein Adjektiv die Stimme hebt. Die Schwierigkeit dieser Bücher liegt im Unerklärten und nicht im Wortschatz, und deshalb übersteht die Prosa den Weg zwischen zwei Sprachen.
Ton
Mild, höflich, leicht fehl am Platz. Der Erzähler entschuldigt sich häufiger, als er klagt, und die Einsamkeit dieser Bücher erreicht die Leserschaft über Umgangsformen und nicht über ein Bekenntnis. Das ist die Umkehrung der japanischen Ich-Tradition eines Osamu Dazai, deren Stimme sich selbst anklagt und darum bittet, angesehen zu werden. Humor kommt bei Murakami als schlichte Feststellung. Ein mannsgroßer Frosch wird als mannsgroßer Frosch beschrieben, und komisch wird es durch den fehlenden Kommentar. Zurück bleibt weniger Nähe als Gesellschaft: das Gefühl, von jemandem auf dem Laufenden gehalten zu werden, der sich unter unpassenden Umständen entschieden hat, vernünftig zu bleiben.
Tempo
Die Uhr läuft über Erledigungen. Züge, Einkäufe, Mahlzeiten, der Weg durch die Gasse hinter dem Haus, ein Treffen zu einer genannten Uhrzeit, und das seltsame Ereignis beschleunigt davon nichts. Solange Toru im Brunnen sitzt, wird Zeit über Wasser und über das Licht am oberen Rand des Schachts gezählt. Das ist langsam und trotzdem nicht leer, weil vor den Augen der Leserschaft ein körperliches Bedürfnis verwaltet wird. Der Zug entsteht aus Terminen und nicht aus Enthüllungen. Es gibt bei ihm auch lange Strecken, auf denen die große Frage keinen Schritt weiterkommt, und man bleibt trotzdem, weil bis zum Kapitelende eine kleine Sache zu klären ist.
Dialogstil
Gespräche sind höflich und leicht versetzt. Jemand antwortet wörtlicher, als gefragt wurde, oder beantwortet die Nachbarfrage, oder liefert ein Detail, das so genau ist, dass die eigentliche Frage kommentarlos fallengelassen wird. Dieser Versatz leistet zwei Dinge gleichzeitig. Er erzeugt Subtext, ohne dass jemand geheimnisvoll reden muss, und er lässt eine Szene ein Stück Vorgeschichte durch eine Seitentür herein und schließt die Tür, bevor daraus eine Erklärung wird. Achte darauf, wie oft die seltsamste Auskunft im Ton einer Terminbestätigung kommt. Eine Frau ruft einen Fremden an und bittet um zehn Minuten. Er bittet sie zu warten, weil die Nudeln fast fertig sind.
Beschreibungsansatz
Räume bestehen bei ihm aus Gegenständen, die eine Figur bedienen kann. Eine Pfanne, der Winkel des Lichts an der Wand, die Dusche der Nachbarn, der Abstand vom Tisch zur Tür. Dann hört er auf, und die Seite bleibt leer genug, dass später ein weiterer Gegenstand ohne Aufwand dazukommen kann. Tragend ist die zweite Hälfte des Verfahrens: Das Unmögliche bekommt dieselbe Optik und ungefähr dieselbe Wortzahl wie der Kühlschrank. Zwei Monde werden über Farbe und Größenverhältnis geliefert. Der Brunnen kommt über Tastsinn, trockene Erde, eiserne Sprossen, Kälte, und über die Kleinheit des Himmelskreises von unten. Am Blickwinkel ändert sich nichts, und diese Gleichbehandlung liest die Leserschaft als Beleg.
Charakteristische Schreibtechniken
Charakteristische Schreibtechniken im Werk von Haruki Murakami.
Gleiche Stimmlage für Stau und zweiten Mond
Eine Tonlage deckt den Verkehrsbericht und den zweiten Mond ab. Das Werkzeug löst ein Problem, das nur Texte haben, die ihre eigenen Regeln brechen: Ein aufgeregter Erzähler macht den Leser misstrauisch, weil eine Stimme, die zu viel verkauft, etwas durchsetzen will. Wer die Lautstärke unten hält, verzichtet auf den bequemen Reiz der Enthüllung und bekommt dafür eine Leserschaft, die ihre Reaktion selbst herstellt und ihr deshalb glaubt. Schwer ist das eine starke Verb im Moment des Einschlags, das sich nach zweihundert ruhigen Seiten verdient anfühlt und sie in einer Zeile aufhebt.
Der Auftrag mit Bedingungen
Das Unmögliche tritt auf und will etwas, zu bestimmten Bedingungen. Der Frosch will Hilfe gegen einen Wurm unter der Stadt und nennt einen Tag. Malta Kano will ein Treffen in einer Hotellobby und kündigt einen roten Vinylhut an. Eine Katze soll in der Gasse hinter dem Haus gesucht werden. Damit ist das Problem gelöst, an dem die meisten surrealen Entwürfe sterben: Eine Abweichung erscheint, die Figuren können nichts damit tun, und der Autor schiebt eine zweite nach. Eine Bitte erzeugt Bewegung, Absagen, Wege und verpasste Anschlüsse. Schwierig bleibt der nüchterne Ton der Bedingungen, denn sobald die Bitte nach Prophezeiung klingt, wird aus der Szene eine Verkündigung.
Die Verrichtung danach
Direkt nach dem metaphysischen Moment steht etwas Kleines und Körperliches. Ein belegtes Brot wird gemacht und gegessen. Bügeln. Der Weg zum Bahnhof zu einem Zug, der zu einer genannten Zeit fährt. Dieser Absturz hält die Leserschaft im Körper und verhindert, dass sich der Text selbst beglückwünscht. Wichtiger ist die zweite Wirkung: Eine Szene, die weiterarbeitet, hat entschieden, dass das Ereignis kein Höhepunkt war, und deshalb darf dieselbe Abweichung später wiederkommen, ohne gesteigert zu werden. Falsch machen kann man es auf eine Weise, nämlich mit einem wissenden Ton. Sobald das Brot ein Witz über den Frosch ist, ist die Milde weg.
Die weggezogene Leiter
Bachtin nennt die Schwelle einen Chronotopos des Augenblicks, den Punkt, an dem sich ein Leben wendet und die Zeit fast stillsteht. Murakami gibt der Schwelle Dauer und einen Boden. Toru steigt über eine Strickleiter in einen trockenen Brunnen hinter einem leerstehenden Haus, sitzt im Dunkeln, teilt sein Wasser ein, und May Kasahara zieht die Leiter hinter ihm nach oben. In Die Ermordung des Commendatore läutet nachts eine Glocke unter einem Steinhaufen, und der Nachbar bezahlt die Maschine und die Leute, die die Steine wegräumen. Ein Symbol wird gedeutet, und damit ist es abgehandelt. Über einen Ort mit Leiter, Temperatur und fremdverwaltetem Ausgang muss verhandelt werden.
Die späte Entdeckung
Der Übergang wird nicht angekündigt, und die Figur findet erst danach heraus, dass er stattgefunden hat. Aomame verlässt die Nottreppe und landet in einem gewöhnlichen Tag, und was sie in den folgenden Wochen darauf bringt, sind Verwaltungsdetails: Die Polizei ist anders gekleidet und anders bewaffnet als in ihrer Erinnerung, und es gibt eine Nachricht der letzten Jahre, an die sie sich nicht erinnert. Die Reihenfolge ist das Werkzeug. Ein angekündigter Übergang bittet den Leser, sich zu wappnen, und wer sich wappnet, beobachtet ein Genre. Die späte Entdeckung hält ihn an der Schulter der Figur, wo er dieselbe Rechnung aufmacht wie sie.
Der Umweg über eine fremde Sprache
Sein eigener Bericht in Von Beruf Schriftsteller lässt sich als Übung nachmachen. Manuskriptpapier und Füllfederhalter ließen sein Japanisch für ihn nach Literatur klingen, also holte er eine alte Olivetti hervor, tippte den Anfang seines ersten Romans auf Englisch, einer Sprache, von der er wenig hatte, und trug das Ergebnis anschließend ins Japanische zurück. Heraus kam eine absichtlich neutrale Oberfläche, und er vergleicht das Schreiben damit eher mit Musizieren als mit Literatur, erst der Rhythmus, dann die Akkorde. Das Werkzeug ist die Beschränkung, nicht die Sprache. Ein kleiner Wortschatz erlaubt keinen Schmuck, und deshalb wandert das Interesse in Wortstellung und Tempo.
Stilmittel, die Haruki Murakami verwendet
Stilmittel, die Haruki Murakamis Stil definieren.
Die getilgte Staunmarke
In den meisten fantastischen Texten steckt irgendwo ein Wort, das das Staunen anmeldet. Plötzlich. Auf unerklärliche Weise. Ich konnte es nicht fassen. Murakami streicht diese Sorte Wort, und damit verschiebt sich die Reaktion vom Erzähler zum Lesenden. Aomame zählt die Monde, vergleicht Farbe und Größe und sieht in den folgenden Nächten nach, ob beide noch da sind, und der Text gibt ihr dafür kein einziges Adverb der Erschütterung. Die naheliegende Alternative wäre ein Satz, der die Wucht des Moments benennt und ihn damit erledigt. Der Verzicht wirkt stärker, weil ein selbst gedachter Schreck sich schwerer widerlegen lässt als ein beschriebener.
Der freie Kalender
Seine Erzähler haben meist einen leeren Kalender, und das ist eine Bauentscheidung, kein Charakterzug. Toru Okada kündigt im ersten Kapitel seine Stelle in einer Anwaltskanzlei. Kafka Tamura hat die Schule verlassen. Damit entsteht ein Terminplan, in den der Auftrag hineinpasst, ohne dass jemand freigestellt oder belogen werden muss. Das löst zugleich ein Tempoproblem dieser Art von Geschichte, denn wer einen Dienstplan hat, kann nicht drei Tage im Brunnen sitzen. Der Preis ist echt: Leerer Kalender ohne Bitte von außen ergibt einen Treibenden. Bei Murakami wird die Figur fast sofort um etwas gebeten, und darin liegt der Unterschied zu den Nachahmungen.
Zwei Kammern, eine Tonlage
Er teilt Bücher in Behälter und hält die Stimmlage über die Naht hinweg gleich. Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt wechselt zwischen zwei Ich-Erzählern, die im Japanischen verschiedene Wörter für ich benutzen, einer in einem Tokio der Datenkuriere, einer in einer eingemauerten Stadt. Kafka am Strand stellt einem Ich-Jungen Kapitel in der dritten Person gegenüber, in denen ein alter Mann mit Katzen spricht. Das Stilmittel bringt das unmögliche Material in einer eigenen Kammer unter, während der Berichtston konstant bleibt. Der Leser wechselt also die Welt, ohne dass die Sprache einen Genrewechsel ankündigt, und genau die Ankündigung wäre das Ende des Effekts.
Der Zeitstempel
Platten, Gerichte und Marken stehen bei ihm genau benannt da, und sie arbeiten als Uhr, nicht als Kulisse. Eine Ouvertüre im Radio, während die Spaghetti kochen. Janáček in einem stehenden Taxi. Jede dieser Angaben legt eine Stunde und einen Raum fest, und dadurch bekommt die spätere Abweichung ein Vorher, gegen das man sie messen kann. Die Alternative, zu der die meisten greifen, ist ein Absatz Atmosphäre, der denselben Platz braucht und nichts festlegt, weil eine Stimmung sich nicht datieren lässt. Nimm die Eigennamen aus diesen Anfängen heraus, und die Szenen werden beliebig.
Nachahmungsfehler
Häufige Fehler beim Nachahmen von Haruki Murakami.
Das Seltsame in die Mitte der Szene stellen
Die Nachahmung stellt die Abweichung ins Zentrum, richtet das Licht darauf und lässt sie auftreten. Bei Murakami betritt das Unmögliche eine Szene, die schon beschäftigt war, und es muss sich den Rahmen teilen: Der Frosch steht an einer Tür, die aus einem anderen Grund geöffnet wurde, die Fische fallen auf eine Straße, auf der Leute einen Dienstag erledigen. Wer die Abweichung in die Mitte stellt, hat eine Enthüllung geschrieben, und eine Enthüllung verlangt die nächste. So entsteht eine Steigerungskette, an deren Ende nichts mehr auffällt. Prüfe stattdessen, ob die Besorgung, mit der deine Figur die Szene begonnen hat, am Ende der Szene noch läuft.
Das Rätsel als Schuld beim Leser buchen
Wer Hinweise streut, verspricht eine Auflösung, und die Leserschaft führt darüber Buch, auch ungefragt. Nachahmungen legen Spuren, bauen eine weise Nebenfigur ein, deuten eine geheime Ordnung an und enden dann im Offenen. Das wirkt wie ein Betrug, weil ein Versprechen gebrochen wurde und nicht, weil offen erzählt wurde. Murakami nimmt die Antwort früh heraus und lässt die Figuren so handeln, als hätten sie das Fragen längst eingestellt, und dieses Verhalten entlässt den Leser aus der Buchführung. Entscheide vor dem zweiten Kapitel, welche der beiden Bücher du schreibst. Beide funktionieren, die Mischung nicht.
Die Ruhe mit Leere verwechseln
Viele lesen die Gelassenheit als Anweisung, die Figuren innerlich abzuschalten. Dann steht dort ein Erzähler, der nichts empfindet, und niemand empfindet mit ihm. Bei Murakami sitzt das Gefühl in der Aufmerksamkeit: Wer sein Wasser einteilt, das Licht über sich beobachtet und dabei sachlich bleibt, hält etwas zurück, und dieses Zurückhalten ist spürbar. Kalt wirkt eine ruhige Szene deshalb selten wegen fehlendem Ausdruck. Es fehlt ein kleiner konkreter Wunsch, den die Figur in diesem Moment hat. Setze ihn ein, und derselbe Absatz kippt von gleichgültig zu beherrscht.
Eine Übersetzung für seinen Satz halten
Der deutsche Murakami hat eine eigene Geschichte. Ein Teil der früheren Ausgaben wurde aus dem amerikanischen Englisch übertragen, spätere Ausgaben hat Ursula Gräfe direkt aus dem Japanischen übersetzt, und die beiden Wege klingen hörbar verschieden. Wer Kommasetzung, Höflichkeitsform und Satzmelodie nachbaut, kopiert deshalb möglicherweise die Entscheidung einer Übersetzerin und nicht die des Autors. Übertragbar bleibt die Anordnung: wo der kurze Satz nach dem langen sitzt, welche Ursache ungesagt bleibt, wie viele Absätze vergehen, bis die Abweichung wieder erwähnt wird. Prüfe an jeder Stelle, die dich beeindruckt, ob sie an einem Wort hängt oder an einer Reihenfolge. Nur das Zweite kannst du lernen.
Bücher
Häufig gestellte Fragen
- Warum sind Murakamis unmögliche Figuren so höflich?
- Weil sie so tun, als wäre das Unmögliche eine Frage der Umgangsform. Der Frosch in Nach dem Beben spricht den Angestellten mit vollem Respekt an, entschuldigt sich für die Störung und behandelt den Kampf unter der Stadt als Aufgabe, für die man Personal braucht. Die Katzen antworten Nakata mit der Geduld von Nachbarn. Diese Höflichkeit trägt Gewicht, denn wer sich an Umgangsformen hält, beruft sich auf eine gemeinsame Welt mit Regeln, und ein Wesen, das diese Regeln befolgt, beansprucht Mitgliedschaft statt Bedrohung. Praktisch gesehen bekommst du damit einen Weg, über das Unmögliche zu sprechen, ohne dass jemand eine Rede halten muss. Sobald das Ungeheuer in Prophezeiungen oder Rätseln redet, ist der Genrerahmen wieder da, den die ruhige Tonlage vorher mühsam abgebaut hat.
- Warum klingt Murakami einfach und ist so schwer nachzubauen?
- Weil beide Hälften stimmen müssen und sich gegenseitig behindern. Ruhe allein ist kein Stil, sie trägt erst, wenn in jedem Abschnitt etwas genau wahrgenommen wird: ein Geruch, ein Zeitmaß, die exakte Schiefe eines Geräuschs. Toru sitzt im Brunnen, teilt sich sein Wasser ein und registriert, wie sich das Licht am oberen Rand des Schachts verschiebt. Das ist ein Mann, der äußerst aufmerksam ist und dabei behauptet, gelassen zu sein. Aus dieser Spannung entsteht der ganze Effekt, und sie lässt sich nicht durch Wortwahl herstellen, sondern nur dadurch, dass die Figur unter Druck steht und trotzdem sachlich bleibt. Lies deinen ruhigen Absatz laut vor und frage, was darin bemerkt wird. Wird nichts bemerkt, ist der Ton flach und nicht beherrscht.
- Warum bleibt am Ende so viel offen, ohne dass es unfertig wirkt?
- Der Krimi verspricht eine Auflösung und verschiebt sie nur, also führt der Leser mit. Murakami nimmt die Auflösung früh heraus, und seine Figuren verhalten sich wie Leute, die das Fragen eingestellt haben. Genau das entlässt die Leserschaft aus der Buchführung. Der zweite Mond steht am Anfang von 1Q84 am Himmel und am Ende auch. Der Eingangsstein in Kafka am Strand wird geöffnet und wieder geschlossen, und keine Figur verlangt eine Erklärung dafür. Geregelt wird am Schluss das Verhältnis zwischen den Menschen und der Sache, und das liest sich wie ein Urteil über ein Leben und nicht wie die Lösung einer Aufgabe. Achte in deinem Entwurf auf die Stelle, an der eine Figur nachfragen könnte. Lässt du sie dort über das Wetter reden, hat der Text entschieden, dass keine Auflösung kommt.
- Ist der Brunnen bei Murakami ein Symbol?
- Zuerst ist er ein Ort mit Boden. Toru steigt im Aufziehvogel über eine Strickleiter in einen trockenen Brunnen hinter einem leerstehenden Haus, sitzt dort im Dunkeln, teilt sich sein Wasser ein, und May Kasahara zieht die Leiter nach oben. Bachtin beschreibt die Schwelle als Ort des Augenblicks, an dem die Zeit fast stillsteht und aus der Lebenszeit herausfällt. Murakami dehnt diesen Augenblick zu einem Aufenthalt mit Stunden, Hunger und einem Ausgang, über den jemand anderes verfügt. Ein Symbol kann man deuten, und damit ist es erledigt. Über einen Ort mit Leiter, Wasser und Dunkelheit muss verhandelt werden, und deshalb bewegt er die Handlung, statt sie zu bebildern. Gib deinem Übergang einen Boden und einen Preis in Stunden.
- Warum hat Murakami die Ich-Perspektive verlassen?
- Weil ein einzelner Ich-Erzähler nur berichten kann, wobei er anwesend war. In Von Beruf Schriftsteller beschreibt Murakami den Weg heraus, und er hat etwa zwei Jahrzehnte gebraucht. Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt läuft mit zwei abwechselnden Ich-Stimmen, die im Japanischen verschiedene Wörter für ich benutzen. Die Chroniken des Aufziehvogels ist sein letzter durchgehend in der ersten Person erzählter Roman, und er muss mit Briefen und langen fremden Berichten gestützt werden, um über Torus Blickfeld hinauszukommen. In Kafka am Strand stehen die Kapitel über den alten Mann dann in der dritten Person. Der Grund ist handwerklich, nicht ästhetisch. Eine Stimme liefert eine Temperatur, ein langes Buch braucht zwei, und wer beim Ich bleibt, muss dem Erzähler dauernd Post schicken.
- Braucht das Unmögliche bei Murakami eine Regel?
- Sie braucht ein Verhalten, das der Leser prüfen kann, und das ist viel weniger als eine Regel, die er versteht. Katzen sprechen mit Nakata und nur mit Nakata, und diese Bedingung gilt bis zur letzten Seite. Toru kommt mit einem Fleck auf der rechten Wange aus dem Brunnen, und der Fleck verhält sich wie eine Verletzung, nicht wie ein Zeichen. Aomame sieht in späteren Nächten nach, und beide Monde stehen da. Eine Ursache steht nirgends im Text. Es steht ein Verhalten da, und daran prüft die Leserschaft mit, weshalb die Konsequenz die Arbeit übernimmt, die sonst eine Erklärung leisten müsste. Brich das Verhalten einmal für einen Effekt, und die Abweichung gehört nicht mehr zur Welt, sondern dem Autor.
Bereit, deinen Entwurf gezielt zu verbessern?
Öffne Draftly, hol deinen Entwurf rein und komm vom Festfahren zu einem stärkeren Entwurf - ohne deine Stimme zu verlieren. Lektoren stehen bereit, wenn du Tiefgang willst.
Kostenloses Startguthaben inklusive. Keine Kreditkarte nötig.