Marcel ProustSchreibstil
Geboren 7/10/1871 – Gestorben 11/18/1922
Verlängere deinen Satz nur dann, wenn jeder Zusatz eine neue Korrektur deiner Wahrnehmung erzwingt – so entsteht Prousts Sog, ohne dass du Handlung brauchst.
Schreiben wie Marcel ProustÜbersicht zum Schreibstil
Übersicht zum Schreibstil von Marcel Proust: Stimme, Themen und Technik.
Ein Junge wartet in Combray auf der Treppe darauf, dass seine Mutter zum Gutenachtkuss heraufkommt. Mehr passiert nicht. Proust dehnt diesen Abend über Dutzende Seiten: die Gäste unten, der Zettel, den Françoise hinunterträgt, die überraschende Nachgiebigkeit des Vaters, und der Moment, in dem der Junge begreift, dass er gewonnen hat und dass ihn dieser Sieg etwas gekostet hat, wofür er noch kein Wort besitzt. Das Ereignis wächst nicht. Die Lesart wächst.
Sein Motor heißt aufgeschobene Bedeutung. Der Erzähler will monatelang die Berma als Phèdre sehen, bekommt endlich eine Karte und findet den Abend gewöhnlich. Jahre vergehen. In Die Welt der Guermantes sieht er sie ein zweites Mal, und jetzt kann er beschreiben, was sie mit der Rolle macht, weil er inzwischen weiß, dass er beim ersten Mal die ganze Zeit seine eigene Reaktion kontrolliert hat statt die Bühne zu beobachten. Der Abend hat sich nicht geändert. Sein Zugang dazu schon.
Was bringt dir das? Spannung ohne Ereignis. In Die Gefangene hält der Erzähler Albertine in seiner Wohnung fest und befragt sie über einen Nachmittag, und die Spannung hängt kaum daran, wo sie war, sondern daran, ob er sich eingesteht, warum er es wissen muss. Es muss nichts geschehen. Es muss etwas zugegeben werden.
Der Aufbau zahlt das am Schluss zurück. Combray gibt dem Kind zwei Spazierwege, den Weg zu Swann und den Weg der Guermantes, und beide stehen für Welten, die sich ausschließen. Gegen Ende von Die wiedergefundene Zeit begegnet der Erzähler Mademoiselle de Saint-Loup, der Tochter von Robert de Saint-Loup und Gilberte Swann, und die zwei Wege sind ein Mensch. Proust erklärt die Verbindung nicht. Er hat sie im Combray-Teil gelegt und liegen lassen. Genau dafür lesen Schreibende ihn weiter: als Beweis, dass Aufmerksamkeit Handlung erzeugt, wenn man sie ehrlich genug protokolliert.
Schreiben wie Marcel Proust
Schreibtechniken und Übungen, um Marcel Proust nachzuahmen.
- 1
Schreib den Auslöser vor der Erinnerung
Nimm eine Erinnerung, von der du schon weißt, dass sie in den Text gehört, und streich den Satz, der sie einführt. Fang stattdessen mit dem körperlichen Ereignis an: der Temperatur einer Türklinke, einem Geruch im Treppenhaus, dem falschen Lied im Supermarkt. Mehr noch nicht. Lass die Erinnerung dann schlecht ankommen, in der falschen Reihenfolge, mit einer Lücke, und lass deinen Erzähler sich eine Zeile lang wehren, bevor sie gewinnt. Prousts Erzähler bückt sich in Balbec, um seine Stiefel aufzuknöpfen, und die Trauer um die Großmutter trifft ihn ein Jahr nach ihrem Tod, vollständig, weil der Körper schneller war als er. Danach eine Prüfung: Könntest du die Erinnerung wieder nach vorne schieben, ohne dass etwas verloren geht? Dann war der Auslöser Dekoration.
- 2
Lass den Satz nach rechts wachsen, dann sprich ihn laut
Schreib deine Behauptung als kurzen Hauptsatz und hör auf. Jede Erweiterung kommt hinten dran, eine pro Durchgang. Wehr dich gegen den Reflex, einen Nebensatz mitten in dein Subjekt zu schieben, denn diese Form macht lange Sätze unlesbar. Lies das Ganze laut und markier die Stelle, an der du stolperst. Der Sprechrhythmus folgt dem Satzbau, und dein Stolpern liegt genau dort, wo du etwas vergraben hast. Hol den vergrabenen Teil heraus und stell ihn neben die anderen. Behalte dann die Fassung, die du in einem Atemzug sprechen kannst, oder teile sie, oder lass sie bei sechzig Wörtern stehen, wenn sie das Vorlesen überstanden hat. Länge ist hier ein Ergebnis und ein schlechtes Ziel.
- 3
Lass den Erzähler irren und stell ihm später die Rechnung
Such dir eine Figur, der dein Erzähler einmal begegnet, und schreib den ersten Eindruck mit voller Überzeugung, samt Begründung. Die Begründung muss gut sein. Prousts Erzähler hält Robert de Saint-Loup in Balbec für einen kalten jungen Adligen, und die Belege liegen vor, in der Art, wie Saint-Loup durch die Hotelhalle geht. Die Deutung ist falsch, Saint-Loup wird die wärmste Figur des Romans. Schreib jetzt, Kapitel später, die Szene, die den ersten Eindruck kippt, und bezahle sie mit einem körperlichen Detail, das du in der ersten Beschreibung untergebracht hast. Lass den Erzähler sich nicht entschuldigen. Lass ihn bemerken, dass das Detail die ganze Zeit sichtbar war und dass er es falsch abgelegt hat. Genau das hat dein Leser auch getan.
- 4
Stell die Uhr, bevor du die Szene schreibst
Leg zwei Zahlen fest, bevor du anfängst: wie viel erzählte Zeit die Szene abdeckt und wie viele Wörter du ihr gibst. Dann brich das Verhältnis absichtlich, innerhalb derselben Passage. Gib einer Minute vierhundert Wörter und den folgenden zwei Jahren elf, in einem Nebensatz, über den der Leser hinwegsteigt, ohne ihn zu bemerken. Proust macht das zwischen den Bänden und innerhalb eines Absatzes, und der Ruck ist die Wirkung. Wenn der Entwurf abgekühlt ist, markier jeden Absatz mit S für Szene, P für Pause und L für die Lücken, die du übersprungen hast. Sieh dir die Spalte am Rand an. Lauter S heißt, du filmst, statt zu schreiben. Lauter P heißt, die Geschichte steht und nur noch die Stimme bewegt sich.
- 5
Setz ein Signal, das du nicht erklärst
In der Nähe von Hudimesnil, bei einer Ausfahrt mit Madame de Villeparisis, sieht Prousts Erzähler drei Bäume und ist sicher, dass sie ihm etwas bedeuten. Er kommt nicht darauf, was. Der Wagen fährt weiter, die Bäume bleiben zurück, und die Stelle endet ohne Auflösung. Deshalb erinnern sich Leser Bände später daran. Bau so etwas in deinen Entwurf. Nimm einen Gegenstand, auf den deine Figur unverhältnismäßig stark reagiert, beschreib die Reaktion körperlich und vollständig, und lass die Szene weiterlaufen, ohne den Grund zu liefern. Widersteh dem späteren Kapitel, in dem du aufräumst. Ein unerklärtes Signal liest sich wie ein Bewusstsein, ein erklärtes wie ein Bauplan, und dein Leser hört den Unterschied.
Marcel Prousts Schreibstil
Aufschlüsselung von Marcel Prousts Schreibstil: Satzstruktur, Ton, Tempo und Dialog.
Satzstruktur
Prousts lange Sätze wachsen nach rechts. Er setzt zuerst einen Kern, den du festhalten kannst, und hängt die Einschränkungen hinten an, eine nach der anderen, sodass jede Wendung abgeschlossen ist, bevor die nächste beginnt, und dein Arbeitsgedächtnis nie überläuft. Deshalb wirken diese Sätze geführt statt verheddert. Steven Pinker nennt die unlesbare Variante center-embedding: ein Nebensatz, in dem ein Nebensatz steckt, in dem noch einer steckt. Im Deutschen ist das die größere Gefahr, weil unsere Satzklammer das Verb ohnehin nach hinten schiebt und jeder Einschub die Distanz vergrößert. Die Wegweiser sind bei Proust die kleinen Wörter, nicht die schönen: ein weil, ein obwohl, ein denn, jedes davon sagt dir, auf welchem Ast du gerade stehst. Dann hört er auf. Der erste Satz des Romans lautet Longtemps, je me suis couché de bonne heure, und er ist deutlich kürzer als Prousts Ruf.
Wortschatz-Komplexität
Prousts Vater war Arzt, sein Bruder Chirurg, und der Wortschatz verrät das. Er stuft Gefühle ab wie ein Diagnostiker Befunde: Gewohnheit gegen Zuneigung, Neugier gegen Begehren, der Wunsch geliebt zu werden gegen den Wunsch beneidet zu werden. Für so eine Unterscheidung opfert er ohne Zögern einen ganzen Nebensatz, weil die Unterscheidung der Befund ist. Das seltene Wort ist nicht die Technik. Die Verdurins teilen die Menschheit in les fidèles und les ennuyeux, die Getreuen und die Langweiler, und zwei gewöhnliche Wortpaare machen eine ganze Gesellschaftsmechanik sichtbar. Auch seine Abstraktionen bleiben angebunden. Bergotte stirbt in Die Gefangene vor Vermeers Ansicht von Delft, und was ihn umwirft, was er über seine eigenen Sätze zu spät begriffen hat, ist ein kleines Stück gelbe Mauer. Kein einziges gehobenes Wort darin.
Ton
Am Ende von Die Welt der Guermantes teilt Swann dem Herzogspaar mit, dass er sterben wird. Die beiden sind spät dran für eine Abendgesellschaft. Der Herzog bemerkt, dass die schwarzen Schuhe seiner Frau nicht zum roten Kleid passen, schickt sie noch einmal nach oben, und die Szene endet dort, ohne einen Satz Kommentar. Das ist der Ton. Zärtlich und schonungslos im selben Absatz, wobei die Schonungslosigkeit die Zärtlichkeit erst glaubwürdig macht: Wer die roten Schuhe sieht, hat aufgehört, jemanden zu schonen. Dasselbe Instrument richtet Proust auf seinen Erzähler und auf sich. Eine Liebe Swanns endet damit, dass Swann sich sagt, er habe Jahre an eine Frau verloren, die nicht einmal sein Typ war. Wer Proust nur auf Wehmut liest, bekommt den halben Roman.
Tempo
Lesezeit und erzählte Zeit fallen bei Proust auf fast jeder Seite auseinander. Ein Abend bei den Verdurins kann länger dauern als die Jahre, die zwischen zwei Bänden vergehen, und die Jahre bekommen einen Nebensatz, der Abend ein Kapitel. Der Erste Weltkrieg erreicht Die wiedergefundene Zeit vor allem als Bericht darüber, wie Paris aussieht, als der Erzähler aus dem Sanatorium zurückkommt. Mario Vargas Llosa unterscheidet zwei Geschwindigkeiten, die Brennpunkte und die tote Zeit. Proust dreht das übliche Verhältnis um: Sein Brennpunkt ist ein Deutungswechsel, also bekommt die Reflexion die gelebte Zeit und das Ereignis die Zusammenfassung. Ein Tod bekommt einen Halbsatz. Ein Blick bekommt eine Seite. Bring dieses Verhältnis in Ordnung, dann regelt sich die Satzlänge von selbst.
Dialogstil
Prousts Figuren sprechen, um sich zu platzieren, selten um zu informieren. Gefragt, ob er die Guermantes kenne, hält Legrandin in Combray eine Rede gegen die Niedrigkeit des Snobismus, und die Rede ist die Antwort: Er kennt sie, er war nicht eingeladen, und er liefert lieber einen Absatz als ein Ja. Achte darauf, wo die Analyse steht. Sie kommt nach der Replik und außerhalb von ihr. Der Leser hört also zuerst den Wortlaut und bekommt die Entschlüsselung danach, in der Reihenfolge, in der ein echter Gast sie hätte. Deshalb dürfen die Dialoge auf dem Papier unauffällig wirken. Lies den Diplomaten Norpois laut, und du hörst lauter fertige Wendungen. Lies den Absatz danach, und du erfährst, was jede Phrase eingekauft hat.
Beschreibungsansatz
Elstir, der Maler, den der Erzähler in Balbec kennenlernt, malt den Hafen von Carquethuit so, dass das Meer wie Land aussieht und das Land wie Meer. Er hält fest, was das Auge empfängt, bevor der Verstand es korrigiert, und Proust reicht dem Leser dieses Bild als Bedienungsanleitung weiter. Die Beschreibungen im Roman folgen derselben Regel. Die Weißdornhecke von Tansonville bekommt mehrere Vergleiche hintereinander, jeder wird verworfen, weil der Erzähler immer wieder etwas Zutreffendes und damit Nichtssagendes produziert. Die gescheiterten Versuche bleiben stehen. Das Protokoll des ankommenden Blicks ist die Beschreibung. Daraus folgt noch etwas: Ein Zimmer verändert sich bei Proust, sobald der Betrachter im Rang steigt oder fällt. Die Möbel bleiben, wo sie sind. Der Text nicht.
Charakteristische Schreibtechniken
Charakteristische Schreibtechniken im Werk von Marcel Proust.
Erst der Name, dann die Sache
Proust gibt dem Leser einen Ort zuerst als Wort und erst viel später als Ort. Balbec existiert kapitellang als Silbe, die persische Kirchen und sturmzerfressene Klippen verspricht. Guermantes existiert als orangegoldener Klang aus einem Kirchenfenster. Dann kommt der Erzähler an, und die Kirche von Balbec ist ein Gebäude an einem Platz, mit einem Café und einem Omnibusbüro als Nachbarn. Das Werkzeug löst ein altes Expositionsproblem: Du darfst die Wunschvorstellung mit vollem Druck schreiben, und die Ernüchterung kostet dich nichts, weil beide Fassungen stimmen und der Abstand zwischen ihnen die Figur ist. Es scheitert, wenn Stufe eins vage bleibt. An einer ungefähren Erwartung kann die Wirklichkeit nicht zerbrechen.
Die abgestufte Vermutung
Lies eine Seite Proust mit dem Bleistift und kreis die Absicherungen ein. Peut-être, sans doute, il me semblait, je crus comprendre. Er markiert den Sicherheitsgrad, bevor er das Urteil liefert, sodass die Gewissheitsstufe zusammen mit der Behauptung ankommt und nicht später als Entschuldigung nachgereicht wird. Deshalb kann er eine Einschätzung Bände später revidieren, ohne sich zu widersprechen: Der frühere Befund war beim Lesen schon als Vermutung ausgewiesen. Wer diese Kennzeichnung weglässt, hat nur die Wahl zwischen einem allwissenden und einem beliebigen Erzähler. Wenn du jede Vermutung abstufst, darfst du dich öffentlich irren. Ohne Abstufung wirkt jede Korrektur wie ein Fehler des Autors.
Die Pastiche-Übung
Vor dem Roman nahm Proust eine kleine Zeitungsgeschichte, einen Hochstapler namens Lemoine, der Diamanten herstellen wollte, und schrieb sie als Balzac, dann als Flaubert, dann als Saint-Simon, dann als Goncourt-Tagebuch. Die Ergebnisse stehen in Pastiches et mélanges. Den Stoff festzuhalten und die Stimme zu wechseln ist der schnellste Weg herauszufinden, welche deiner Gewohnheiten Entscheidungen sind und welche Reflexe: Was jede Fassung übersteht, gehört dir und nicht den Autoren, die du gerade liest. Mach das mit einem einzigen Absatz aus deinem Entwurf. Der Goncourt-Pastiche wandert später in den Roman zurück, und so sieht es aus, wenn aus einer Übung eine Technik wird.
Das soziale Kontobuch
Führe Einladungen wie ein Buchhalter Zahlungen führt. Wer wurde gefragt, wer nicht, wer hat die Einladung Dritten gegenüber erwähnt, wer hat behauptet, abgesagt zu haben. Madame Verdurin beginnt als Gastgeberin von Ärzten und unbekannten Musikern, die der Adel nicht empfängt, und sie endet in Die wiedergefundene Zeit als Princesse de Guermantes. Es gibt kein Duell. Jeder Schritt ist ein Abendessen. Das Kontobuch verschafft einem Salon Einsatz, ohne dass du eine Krise erfinden musst, und es erledigt nebenbei die Figurenarbeit, weil dein Leser aus dem Preis für den Zutritt erfährt, wer da hineinwill. Das Risiko ist, das Kontobuch sichtbar zu führen. Dann hören die Umgangsformen auf, wie Umgangsformen zu klingen.
Belege vor dem Urteil
Françoise, die Hausangestellte in Combray, hält Spargel auf dem Speiseplan, weil das Putzen dem Küchenmädchen Asthmaanfälle verschafft. Proust berichtet den Speiseplan, das Mädchen und die Anfälle. Das Wort für das, was Françoise da tut, hält er zurück. Wenn der Erzähler viel später ein abstraktes Substantiv für diese Mischung aus Ergebenheit und Grausamkeit findet, trägt der Leser die Akte längst mit sich und ist meist selbst schon dort angekommen. Deshalb wirkt das Substantiv wie eine Bestätigung und nicht wie eine Belehrung. Die Reihenfolge zählt mehr als der Wortschatz. Vier überprüfbare Verhaltensweisen, dann der Begriff, und der Begriff ist verdient. Umgekehrt lesen sich die Verhaltensweisen als Illustration einer Behauptung.
Das Gesetz, das Hypothese bleibt
Der Roman beginnt mit einem Essay. Bevor eine einzige Figur auftritt, beschreibt der Erzähler das Aufwachen in einem dunklen Zimmer, ohne zu wissen, in welchem Bett und in welchem Jahrzehnt er liegt, und verallgemeinert über Schlaf, Gewohnheit und das Körpergedächtnis für jeden bewohnten Raum. Milan Kunderas Regel dazu: Im Roman ändert Reflexion ihren Aggregatzustand. Draußen behauptet ein allgemeiner Satz, drinnen kann er nur vorschlagen. Proust hält seine Gesetze im Vorschlagsmodus und schickt anschließend eine Szene, die sie prüft, und manchmal fallen sie durch. Schreib den allgemeinen Absatz, wenn du einen hast. Stell dann eine Szene daneben, die ihn blamieren könnte, und gib der Szene das erste Wort, wenn der Absatz verliert.
Stilmittel, die Marcel Proust verwendet
Stilmittel, die Marcel Prousts Stil definieren.
Unwillkürliche Erinnerung als Gelenk
Die Madeleine-Stelle wird als Stimmungsbild zitiert. Lies sie noch einmal, dann ist sie Konstruktion. Der Erzähler schmeckt in Lindenblütentee getauchtes Gebäck, spürt etwas Großes und kann es dreimal hintereinander nicht benennen. Beim zweiten und dritten Löffel wird der Eindruck sogar schwächer, weil sich Empfindungen abnutzen. Combray taucht erst auf, als er aufhört zu suchen. Dieser Widerstand macht den Zeitsprung zulässig. Ein Leser akzeptiert einen langen Sprung in die Vergangenheit, weil der Körper zuerst gesprungen ist und der Verstand widerwillig nachkam. Eine datierte Rückblende bittet den Leser um Erlaubnis. Diese Technik bittet den Erzähler, und der sagt zweimal nein, bevor er nachgibt.
Die ältere Stimme in der jüngeren Szene
In Combray wirft eine Laterna magica Golo und Geneviève de Brabant an die Wände des Kinderzimmers, und das Kind fürchtet sich. Die Sprache, in der das steht, gehört einem erwachsenen Mann mit einem Vokabular für mittelalterliche Bildprogramme und für das Verhalten von Licht auf einer Türklinke. Beides steht gleichzeitig da, nichts davon ist markiert. James Wood stellt zu solchen Sätzen die brauchbare Frage: Wem gehört dieses Wort? Proust hält die Antwort über sieben Bände offen. So bekommt er die Angst des Kindes und die Diagnose des Erwachsenen in einen einzigen Nebensatz, ohne die Umständlichkeit eines Erzählers, der die Handlung anhält, um mitzuteilen, dass er damals jung war.
Die Analogie, die eine ganze Szene trägt
Sodom und Gomorra beginnt damit, dass der Erzähler im Hof der Guermantes darauf wartet, ob eine Hummel eine seltene Orchidee bestäubt. Während er wartet, treffen sich Charlus und Jupien im selben Hof, und Proust legt die Botanik über die Begegnung, seitenlang: das Signalisieren, die Unwahrscheinlichkeit der Paarung, die Mechanik einer Art, die vom Zufall eines Besuchs abhängt. Der Vergleich ist ein Modell und kein Schmuck. Er macht Vorhersagen, die die Szene anschließend prüft. Genau darin unterscheidet sich eine arbeitende Analogie von einer hübschen. Die hübsche endet mit dem Satz. Diese rechnet Seiten später noch, und du kannst ihre Ergebnisse nachprüfen.
Das Motiv, das verändert wiederkehrt
Swann hört in Vinteuils Violinsonate eine kurze Phrase und knüpft sie an sein Gefühl für Odette, sodass die Musik zur Hymne einer Affäre wird, die ihn demütigen wird. Bände später, in Die Gefangene, wird ein nachgelassenes Septett desselben Komponisten aufgeführt, und die Phrase taucht darin wieder auf, verwandelt, in einem Werk, das Swann nicht mehr erlebt hat. Genau daran hat E. M. Forster den Rhythmus im Roman erklärt: Wiederholung plus Variation, im Unterschied zum Symbol, denn ein Symbol erstarrt und ein Rhythmus entwickelt sich. Die Wiederkehr orientiert den Leser ohne Zusammenfassung. Und sie trägt den Abstand zwischen beiden Konzerten, was kein Resümee leisten könnte.
Nachahmungsfehler
Häufige Fehler beim Nachahmen von Marcel Proust.
Nebensätze aneinanderhängen und das für einen Proust-Satz halten
Der Nachahmer verlängert an der Stelle des geringsten Widerstands, und das ist die Mitte. Eine Einschränkung kommt hinter das Subjekt, eine zweite in die erste hinein, und bei Wort vierzig hat der Leser drei offene Klammern und kein Verb. Proust hängt hinten an, wo jede Wendung abgeschlossen und fallen gelassen werden kann, bevor die nächste kommt. Es gibt einen schnellen Test. Streich drei beliebige Nebensätze und lies den Rest: Sagt der Satz noch dasselbe, war es Füllmaterial. Zerfällt er, hast du deinen Hauptsatz im Inneren begraben. Der zweite Fall ist der teure, denn dein Leser liest nicht noch einmal, um das Verb zu suchen. Er legt die Seite weg und hält sich selbst für zu ungeduldig.
Die Wehmut behalten und die Komik streichen
Proust ist absichtlich komisch, oft auf Kosten von Figuren, die er mag. Madame Verdurin hat sich angewöhnt, Heiterkeit hinter den Händen zu mimen, statt zu lachen, weil sie sich einmal beim Lachen den Kiefer ausgerenkt hat, und dieses Detail steht im selben Register wie alles andere. Nimm es heraus, und zwei Dinge brechen weg. Der Erzähler verliert seine Glaubwürdigkeit als Beobachter, denn wer einen Salon nur schön findet, hat offensichtlich nicht hingesehen. Und der Text verliert seinen Temperaturwechsel: Die reflektierenden Passagen kommen in derselben feierlichen Tonlage wie alles davor, und nach zwanzig Seiten unterscheidet dein Leser Erkenntnis nicht mehr von Stimmung. Die Komik ist das tragende Bauteil, das die Innenschau erträglich macht.
Das eigene Leben für die Methode halten
Proust hat die autobiografische Variante zuerst versucht. Jean Santeuil wuchs in den 1890ern auf Hunderte Seiten an, mit einem Helden namens Jean als Statthalter des Autors, wurde abgebrochen und lag bis 1952 in der Schublade. Der Stoff ist weitgehend derselbe. Was fehlt, ist der Abstand zwischen dem Mann, der die Szene erlebt hat, und der Stimme, die sie meldet. Ohne diesen Abstand gibt es im Text niemanden, der mehr weiß als die Figur, also muss jedes Urteil auf Anhieb stimmen. Wer die eigene Biografie für den Proust-Effekt abbaut, produziert meist Jean Santeuil und nicht die Recherche. Das Gegenmittel ist baulich: Leg fest, wo dein Erzähler steht, wie lange die Ereignisse zurückliegen und was er seither gelernt hat, das die jüngere Fassung von ihm nicht wissen konnte.
Dem Erzähler gleich die richtige Deutung geben
Ein geübter Autor baut einen scharfsichtigen Erzähler und lässt ihn dann pünktlich scharfsichtig sein: Jede Figur bekommt bei der ersten Begegnung die zutreffende Deutung. Proust macht bandweise das Gegenteil. Baron de Charlus starrt den Erzähler vor einem Kasino an, benimmt sich unerklärlich grob und unerklärlich großzügig und wird als Sonderling abgelegt, als Tyrann, vielleicht als Spion, bis Sodom und Gomorra die Lesart nachliefert, unter der sich alle früheren Szenen neu sortieren. Wer sofort richtig liegt, nimmt dem Leser die Arbeit ab. Das Verständnis kommt zeitgleich mit dem Ereignis, die Seiten bauen keinen Druck mehr auf, und die langen Reflexionen, die sich wie eine Entdeckung anfühlen sollten, wirken wie ein Audiokommentar zu einem Film, den das Publikum verstanden hat.
Bücher
Häufig gestellte Fragen
- Wie hat Marcel Proust seine Manuskripte überarbeitet?
- Er hat das Buch seitwärts wachsen lassen, auf Papier. Proust schrieb in Hefte und klebte zusätzliche Streifen an die Seiten, die berühmten paperoles, die aufgefaltet weit über die Heftbreite hinausreichen. Neues Material kam so in fertige Passagen hinein und nicht hinter sie. Auf den Druckfahnen ging das weiter, weshalb seine Korrekturabzüge unter Setzern legendär sind. Zwei Daten zum ersten Band erklären den Rest. Du côté de chez Swann wurde von Verlagen abgelehnt und erschien 1913 bei Grasset auf Prousts eigene Kosten. Sechs Jahre später bekam À l'ombre des jeunes filles en fleurs den Prix Goncourt. Die handwerkliche Lehre steckt in der Klebetechnik: Überarbeiten hieß bei ihm, den Text von innen wachsen zu lassen, genau an der Stelle, an die die spätere Einsicht gehörte.
- Wie hält ein so langer Roman ohne Handlungsmotor zusammen?
- Über ein Wiedererkennen, das spät kommt und alles auf einmal liefert. Im letzten Band kommt der Erzähler zu einer Gesellschaft bei der Princesse de Guermantes und hält die Gäste zunächst für kostümiert, gepudert und beperückt, bis er begreift, dass sie in seiner Abwesenheit alt geworden sind. Alle, die er sechs Bände lang beobachtet hat, stehen in diesem Raum und tragen die Zeit sichtbar mit sich, die das Buch für sie verbraucht hat. Danach beschließt er, genau das Buch zu schreiben, das ihn dorthin gebracht hat, und damit wird die letzte Seite zur Ursache der ersten. Die Form ist eine Schleife und kein Bogen, und sie hält, weil sie sich in einer sichtbaren Szene schließt und nicht in einer These. Gib einem langen Projekt ein körperliches Ereignis, das nur trägt, wenn man den ganzen Weg gegangen ist.
- Lässt sich Prousts Methode in einer Kurzgeschichte anwenden?
- Ja, und Proust liefert den Beleg im eigenen Buch. Eine Liebe Swanns steht in der Mitte des ersten Bandes als abgeschlossene Novelle in der dritten Person, über eine Liebesgeschichte, die vor der Geburt des Erzählers zu Ende ging. Dort läuft die ganze Methode im Kleinen: erster Eindruck, wachsende Beweisakte, eine Eifersucht, die sich ihre Tatsachen selbst herstellt, und am Schluss ein Urteil, das alles umdreht, was Swann sich unterwegs erzählt hat. Lies diesen Teil einzeln, wenn sieben Bände gerade nicht in deinen Kalender passen. Achte dann darauf, was die Verkürzung kostet und was nicht: Die Abfolge übersteht den Schnitt, weg müssen nur die Abschweifungen.
- Überlebt Prousts Stil die Übersetzung ins Deutsche?
- Der Klang reist nicht mit, die Abfolge schon. Die deutsche Wirkungsgeschichte ist ungewöhnlich gut besetzt: Walter Benjamin und Franz Hessel übertrugen in den zwanziger Jahren zwei Bände, Benjamin schrieb dazu den Essay Zum Bilde Prousts, und die vollständige Fassung, die die meisten deutschen Leser kennen, stammt von Eva Rechel-Mertens. Jede dieser Übersetzungen muss entscheiden, wo Prousts Perioden umbrechen, und keine rettet die französische Melodie. Erhalten bleibt die Reihenfolge der Operationen, weil sie logisch gebaut ist und nicht musikalisch: Reiz, Deutung, Korrektur. Proust kannte das Problem von der anderen Seite. Er übersetzte zwei Bücher Ruskins mit Hilfe seiner Mutter und Marie Nordlingers, sein eigenes Englisch war schwach, und dieses Übertragen einer fremden Architektur hat ihn mehr über Konstruktion gelehrt als über Wortschatz.
- Ist der Erzähler der Recherche Marcel Proust selbst?
- Proust hat die Frage schriftlich geklärt, bevor er den Roman darauf gebaut hat. Contre Sainte-Beuve greift die kritische Gewohnheit an, ein Buch über die Tischgespräche seines Autors zu erklären, mit dem Argument, dass das schreibende Ich vom Werk hervorgebracht wird und wenig mit dem Ich im Salon zu tun hat. Der Erzähler ist also ein gebautes Instrument mit gewählten Grenzen: eine bestimmte Krankheit, eine bestimmte Klassenlage, eine bestimmte Blindheit gegenüber den Menschen, die er liebt. Daraus folgt etwas Praktisches für alle, die nah an der eigenen Biografie schreiben. Leg fest, was dein Erzähler nicht sehen kann, und verteidige diese Grenze. Ein Erzähler, dessen blinde Flecken exakt deine sind, produziert ein Buch, das dem Leser nur mitteilen kann, was du ohnehin weißt.
- Was an Proust lässt sich heute nicht übernehmen?
- Die Soziologie. Ein großer Teil der Spannung in den mittleren Bänden läuft über einen Code, den die zeitgenössischen Leser gemeinsam hatten: welcher Salon über welchem stand, was es bedeutete, dass eine Herzogin einen jüdischen Börsenmakler empfing, wie die Dreyfus-Affäre die Gesellschaft in Lager sortierte und die Gästelisten für ein Jahrzehnt neu ordnete. Heute braucht man Anmerkungen für einen Druck, den Prousts Publikum ohne Nachdenken gespürt hat. Auch die Muße überträgt sich nicht, denn kaum jemand schreibt heute einen Erzähler, der nichts zu tun hat als zu beobachten. Was bleibt, ist der Mechanismus darunter, und der braucht nur zwei Bedingungen: eine Gruppe, deren Regeln dein Leser kennt, und eine Figur, die etwas von dieser Gruppe will und den Preis falsch einschätzt. Ein Großraumbüro genügt. Eine Familie auch.
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