Michel FoucaultSchreibstil
Geboren 10/15/1926 – Gestorben 6/25/1984
Baue eine Kette aus konkreten Verfahren (Akten, Regeln, Kategorien), damit deine Leser merken, dass „Wahrheit“ oft nur die sauberste Verwaltung ist.
Schreiben wie Michel FoucaultÜbersicht zum Schreibstil
Übersicht zum Schreibstil von Michel Foucault: Stimme, Themen und Technik.
Überwachen und Strafen beginnt zweimal. Zuerst die Hinrichtung des Königsmörders Damiens im Jahr 1757, abgeschrieben aus dem amtlichen Bericht, mit Zangen, geschmolzenem Blei und Pferden. Dann, achtzig Jahre später, ein Stundenplan: Léon Fauchers Regeln für das Pariser Haus der jungen Gefangenen, Stunde um Stunde, vom ersten Trommelschlag an. Zwischen beide Dokumente setzt Foucault keinen erklärenden Satz. Die Lücke bleibt offen, und wer sie schließt, hat das Argument selbst gebaut.
Seine Seiten sind voll Papier und fast leer an Innenleben. Regeln, Formulare, Grundrisse, Gutachten, Schulordnungen, die vorgeschriebene Haltung der Schreibhand. Keine Figur will etwas. Im Kapitel über die gelehrigen Körper stellt er den Soldaten des frühen 17. Jahrhunderts, den man an Haltung und Wuchs erkennt, neben den Rekruten des späten 18., der hergestellt und nicht gefunden wird, und den ganzen Unterschied tragen Exerzierpläne.
Der Druck entsteht aus der Sachlichkeit. Die Folterung von Damiens steht im gleichen ruhigen Register wie die Quelle, aus der sie stammt, und der Landarbeiter von Lapcourt, den man wegen ein paar erkaufter Zärtlichkeiten beim Bürgermeister anzeigte, wird im Register der Ärzte behandelt, die seinen Knochenbau ausmaßen. Empörung fehlt. Die Leser liefern sie nachträglich und merken dabei, dass sie irgendwoher kommt.
Übertragbar ist die Reihenfolge, nicht der Satzbau. Beschreibe ein Verfahren so genau, dass man es im Kopf durchspielen kann. Halte deine Begriffe fest. Setz die Folgerung spät, und lass ein Dokument die Arbeit tun, die ein Absatz eigener Meinung schlechter macht.
Schreiben wie Michel Foucault
Schreibtechniken und Übungen, um Michel Foucault nachzuahmen.
- 1
Erst das Dokumentenpaar, dann die These
Nimm eine Praxis, die deine Leser für geregelt halten: Einstellung, Benotung, Kreditvergabe, Aufnahme, Entlassung. Such dann zwei Dokumente dazu, die Jahrzehnte trennen. Eine Richtlinie und ihre Nachfolgerin, zwei Aufnahmebögen, zwei Redaktionsleitfäden, die Stellenbeschreibung von vor zwanzig Jahren und die heutige. Schreib die langweiligen Stellen heraus. Stell sie ohne Brücke nebeneinander und streich anschließend den Satz, mit dem du den Unterschied erklärt hast. Diese Arbeit erledigen deine Leser besser, und sie nehmen es dir übel, wenn du sie ihnen wegnimmst. Datiere nur, was wann galt.
- 2
Streich die Motive, schreib den Ablauf
Suche im Entwurf nach wollte, glaubte, fürchtete, beabsichtigte, und streich den Nebensatz, den das Verb regiert. Setz an die Stelle, was getan wurde und von wem: wer geprüft hat, wer das Ergebnis notierte, wohin das Blatt danach ging, was mit der Person passierte, deren Name darauf stand. Eine Probe genügt. Zeichne den Absatz als Ablaufdiagramm. Gelingt das, beschreibst du ein Verfahren. Bleibt ein einziges Kästchen mit der Aufschrift Haltung übrig, erklärst du weiter Innenleben.
- 3
Drei Begriffe festnageln, den Rahmen bewegen
Schreib die drei Begriffe, ohne die dein Text nicht auskommt, oben in die Datei. Geh den Entwurf durch und markiere jede Stelle, an der du zu einem Synonym gegriffen hast, weil das Wort schon wieder kam. Setz überall den Begriff zurück. Verschiebe dafür, was um ihn herum steht: die Norm als Maß, die Norm als Werkzeug, die Norm als Ergebnis. Einem Begriff, dessen Aufgabe wandert, kann man folgen. Eine Prozession von Fast-Synonymen hinterlässt drei ungefähre Dinge, wo du eines genaues meintest.
- 4
Laut lesen und die Verschachtelung auflösen
Nimm den längsten Satz des Entwurfs und sprich ihn im Redetempo laut. Die Stelle, an der du stolperst, ist die schlechte Stelle im Satzbau, denn die Sprechmelodie folgt der Struktur, und der Mund merkt es vor dem Auge. Such den Nebensatz, den du in einen anderen hineingeschoben hast, hol ihn heraus und setz ihn daneben, als zweiten Satz oder als Anhang. Lies erneut. Wiederhole das, bis die langen Sätze durch Reihung lang sind. Dann darf einer fünfzig Wörter haben, ohne dass jemand aussteigt.
- 5
Am Ende die Frage verschärfen
Sieh dir die Frage an, mit der der Abschnitt begann, und prüfe, ob dein Material sie inzwischen zu einer schlechteren Frage gemacht hat. Meist ja. Warum strafen wir unterstellt, Strafe sei eine Sache mit einem Zweck. Nach vier Seiten Stundenplänen und Exerzierübungen lautet die bessere Frage, worauf die Strafe einen Körper hin trainiert. Schreib die neue Frage als letzte Zeile und lass sie offen. Deine Leser tragen sie in den nächsten Abschnitt, und daraus bezieht Analyse ihren Vortrieb ohne Handlung. Mach es nur, wenn die Belege den Wechsel gedeckt haben. Eine Frage, die das Material nicht hervorgebracht hat, wirkt wie eine Masche, und wer sich einmal geführt fühlt, glaubt dem Rest nicht mehr.
Michel Foucaults Schreibstil
Aufschlüsselung von Michel Foucaults Schreibstil: Satzstruktur, Ton, Tempo und Dialog.
Satzstruktur
Wie bleibt ein Satz mit fünfzig Wörtern lesbar? Indem er reiht und nicht verschachtelt. Der Satz, der das Urteil über Damiens wiedergibt, hängt Station an Station: Kirchenvorplatz, Karren, Zangen, geschmolzenes Blei, Pferde. Man kann ihn mitgehen, weil nichts offen bleibt, was man behalten müsste. Im Deutschen verschärft die Satzklammer das Problem, denn das Verb steht am Ende, und jede weitere Einschachtelung dehnt die Spanne, die man offen halten muss, bis der Hauptgedanke verschwunden ist. Genau daran scheitern die Nachahmungen: Nebensatz im Nebensatz, und beim letzten Verb weiß niemand mehr, wovon der Satz sprach. Danach kommt der kurze Satz. Er benennt um oder zieht eine Grenze, und nach einer langen Reihung wiegt er mehr als jedes Ausrufezeichen. Achte auch auf den Doppelpunkt. Foucault hängt die Folge an die Beobachtung, ohne beides zu einem Gedanken zu verkleben.
Wortschatz-Komplexität
Die Menge der Fachwörter ist klein: Disziplin, Norm, Prüfung, Dispositiv, Diskurs, Geständnis. Er behält sie und verweigert die Synonyme. Kundera hat den Grundsatz zugespitzt, als er den Begriff des Synonyms zurückwies, weil jedes Wort seine eigene Bedeutung habe und unersetzbar sei. Foucault arbeitet, als wäre das eine Arbeitsregel. Die Prüfung bleibt in Überwachen und Strafen die Prüfung, ob sie im Lazarett, in der Kaserne, in der Schule oder vor Gericht stattfindet, und man kann ein Verfahren durch vier Institutionen verfolgen, weil das Substantiv unterwegs nicht gewechselt wurde. Im Deutschen liegt die Gefahr woanders als im Französischen. Der Nominalstil lädt dazu ein, aus jedem Verb eine Substantivierung zu machen, und aus dem Satz, dass man prüft, notiert und vergleicht, wird eine Prüfungs-, Protokollierungs- und Vergleichspraxis. Das klingt gelehrt und nennt keinen Handelnden mehr. Die Einschränkungen zählen so viel wie die Substantive: Zeitraum, Ort, Verfahren. Dieser Zaun hält einen starken Satz davor, an einem einzigen Gegenbeispiel zu zerbrechen.
Ton
Tuke eröffnet die Anstalt in York, Pinel löst in Bicêtre die Ketten, und die Sätze darüber bleiben so ruhig wie die Sätze über die Einsperrung davor. Erleichterung kommt nicht. Die Reform erscheint als Technikwechsel. Dieses zurückgehaltene Urteil ist das eigentliche Instrument. Es kostet Leser, die eine Position erwarten, und es bringt genau das ein, wofür die anderen bleiben: den Eindruck, dieser Autor würde den umgekehrten Befund im selben Ton berichten. Auch die Ironie lebt vom Zurückhalten. Er stellt neben das, was eine Einrichtung über sich sagt, das, was ihr Verfahren tut, und hört dann auf. Der Abstand zwischen beiden Zeilen erledigt die Arbeit, die ein spöttisches Adjektiv zerstören würde.
Tempo
Das Tempo entsteht aus der Reihenfolge der Auslieferung, und mehr steht einem Autor ohne Handlung nicht zur Verfügung. Das Kapitel über den Panoptismus beginnt nicht mit Bentham. Es beginnt mit der Ordnung einer Peststadt: Aufteilung, Namensaufruf am Fenster, Register, daneben das ältere Ritual, das den Leprakranken vor die Mauern schafft. Zwei Techniken, keine These. Benthams Bau erscheint erst, wenn die Leser schon aufgenommen haben, wovon er ein Fall sein wird, und dann liest sich der Ringbau mit dem Turm in der Mitte weniger wie ein Vorschlag aus dem 18. Jahrhundert als wie der Grundriss eines Ortes, in dem man seit Seiten herumläuft. Journalisten sagen: die Pointe nach vorn. Foucault begräbt sie mit Absicht, und das kostet ihn Leser. Wer bleibt, bekommt etwas, das keine Zusammenfassung geben kann, weil er die Folgerung aus Einzelteilen selbst gebaut hat. Langsam sind bei ihm die Verfahren. Schnell sind die Jahrhunderte.
Dialogstil
Figurenrede fehlt. Es sprechen Akten. Am deutlichsten in dem Band, den er um Pierre Rivière herum zusammenstellte, den normannischen Bauernsohn, der 1835 seine Mutter, seine Schwester und seinen Bruder tötete und danach seine Gründe aufschrieb: Foucault druckte die Denkschrift neben die medizinischen Gutachten, die juristischen Stellungnahmen und die Zeitungsmeldungen und verzichtete auf ein Urteil darüber, wer recht hat. Die Stimmen widersprechen sich in ihren eigenen Idiomen und bleiben so stehen. Ein Psychiater und ein Richter beschreiben denselben Nachmittag, und im Widerspruch zeigt sich, dass jeder von beiden nur bestimmte Sätze bilden kann. Im Willen zum Wissen läuft dieselbe Operation über das Geständnis. Sprechen wird zur Technik, weil es erst zählt, wenn jemand amtlich zuhört. Für eigene Texte heißt das: ein echtes Zitat an die Stelle setzen, an der sein Vokabular hörbar wird, und einen nüchternen Satz anhängen, der die Regel nennt.
Beschreibungsansatz
Was tut ein Raum? Das ist die Frage, die seine Beschreibungen beantworten, und darum enthalten sie wenig Wetter und viel Mobiliar. Die Ordnung der Dinge beginnt mit Las Meninas und umkreist ein ganzes Kapitel lang ein Bild: wo der Maler steht, was der Spiegel an der Rückwand zurückgibt, wer angesehen wird und welche Stelle im Raum jemand einnimmt, den die Leinwand nicht zeigen kann. Kein Wort der Bewunderung. Die Beschreibung ist ein Argument darüber, wer Subjekt sein darf, und sie trägt, weil man jedes Element am Bild überprüfen kann. Gefängnisse und Kliniken behandelt er gleich. Blickachsen, Schwellen, Zeitpläne, wer was notiert, welche Türen derselbe Körper passieren darf und welche nicht. Sinnliche Details setzt er selten und dann dort, wo eine vernünftig klingende Praxis ihre Grausamkeit zeigen soll. Nachahmbar ist die Prüfung, die er offenbar an jedes Detail legt: Zeigt es eine Regel im Betrieb, oder macht es nur Stimmung?
Charakteristische Schreibtechniken
Charakteristische Schreibtechniken im Werk von Michel Foucault.
Genealogie statt Ursprung
Der Untertitel von Überwachen und Strafen verspricht die Geburt des Gefängnisses und nicht seine Geschichte, und dieser Unterschied ist eine Arbeitsweise. In seinem Aufsatz über Nietzsche und die Genealogie stellt er die Suche nach dem Ursprung gegen die Verfolgung der Herkunft und entscheidet sich für die Herkunft: Gabelungen, Anleihen, Techniken, die man für einen Zweck aufnimmt und für einen anderen behält. Auf der Seite bringt das Verdichtung. Du kannst zwei Jahrhunderte in einem Absatz durchqueren, ohne eine saubere Linie zu behaupten, weil du nicht sagen musst, wo etwas anfing, sondern nur, was wann seine Funktion wechselte. Schwierig bleibt, dass jeder Wechsel benennen muss, was danach machbar oder sagbar wurde. Fehlt das, liegt ein Haufen Daten da und kein Argument.
Die Ordnung, die nicht aufgeht
Bevor Die Ordnung der Dinge etwas behauptet, legt das Vorwort den Lesern eine Tierliste aus einer chinesischen Enzyklopädie vor, die Borges überliefert, eine Einteilung, deren Rubriken in kein gemeinsames Schema passen. Man lacht. Dann wird das Lachen unangenehm, weil nicht auf der Hand liegt, was die eigene Ablage besser macht und nicht bloß eigen, und in dieser Unruhe beginnt die Arbeit des Buches. Als Eröffnung schlägt das jede Thesenformulierung, denn es versetzt die Leser in den Zustand, den das Argument braucht, statt ihnen von diesem Zustand zu erzählen. Zwei Bedingungen: Das Beispiel muss wirklich zum Lachen bringen, und es muss sich dem Sortieren widersetzen. Sonst ist es in einer Sekunde sortiert und die Eröffnung verbraucht.
Umbenennen nach Funktion
Die Geburt der Klinik beginnt damit, den Bericht eines Arztes über eine Patientin, deren Häute sich wie feuchtes Pergament ablösen, neben die flache, ausgemessene Beschreibung einer Läsion durch einen späteren Anatomen zu stellen. Der Körper hat sich dazwischen nicht verändert. Verändert hat sich, was ein Arzt zu sehen gelernt hatte und aufschreiben durfte, und die trockenere der beiden Beschreibungen ist die mächtigere. Wer das gezeigt hat, darf eine Praxis nach ihrer Wirkung benennen statt nach ihrem Anspruch, und Fürsorge liest sich dann als Verwaltung, Beobachtung als Prüfung. Zwei Warnungen: Die Umbenennung braucht ihre Dokumente vor sich, und sie muss umkehrbar bleiben. Wer immer nur herausfindet, dass Freundlichkeit Kontrolle ist, hat aufgehört zu suchen.
Der Brückensatz
Zwischen den Belegen und der Regel steht ein einziger Satz, und dieser Satz entscheidet, ob die Leser mitgehen. Foucault hält den Beleg konkret und die Brücke schmal. Die Schulordnung von La Salle schreibt vor, wie ein Kind die Feder hält, wie der Körper sitzt, wie die Finger liegen, und daraus folgt eine Aussage über eine Macht, die am Körper im Detail arbeitet und nicht an der Seele im Allgemeinen. Sieh, wie wenig die Brücke tut. Sie benennt die gemeinsame Logik der Belege und hört auf. Alles Größere kommt später, nach weiteren Belegen. Schreib die Brücke zuletzt, und wenn sie ohne ein Wort wie alle nicht auskommt, tragen deine Belege sie noch nicht.
Benenne die Erzeugnisse
Ein Verbot zu beschreiben füllt einen Absatz. Zu beschreiben, was ein Verbot hergestellt hat, füllt ein Kapitel, und der Wille zum Wissen tut das Zweite: Statt einer Geschichte des Schweigens benennt er vier Gestalten, die erzeugt und dann mit Fachleuten versorgt wurden, die hysterische Frau, das onanierende Kind, das malthusianische Paar und den perversen Erwachsenen. Auf jede kann man zeigen. Hinter jeder steht eine Literatur, eine Behandlung, eine Prüfung, eine Akte, und deshalb übersteht das Argument den Einwand, dass es Unterdrückung ja gegeben habe. Das ist hier das übertragbarste Werkzeug und das am seltensten benutzte. Frag, was dein Gegenstand in die Welt gesetzt hat, und nimm für diese Dinge die Namen, die ihre Verwalter benutzten.
Das unpersönliche Instrument
Außerhalb der Vorworte sind Ich-Formen selten. Die Subjektstelle besetzt das Verfahren, und wo ein Handelnder den Satz nur verstopfen würde, bleibt er unbenannt. Genau das kann das Passiv besser als jede andere Konstruktion: Es entscheidet, wer im Scheinwerfer der Leser steht. So benutzt ist es eine Entscheidung über Aufmerksamkeit. So benutzt, wie Behörden es benutzen, nämlich zum Verlegen von Verantwortung, entsteht daraus die Prosa, über die sich alle beklagen. Der Preis der Haltung ist Trockenheit, und er zahlt ihn mit Belegen. Eine Seite reines Dispositiv-Gerede liest niemand, deshalb kommt alle paar Absätze etwas Handfestes, und dieser Wechsel macht die Kälte erträglich.
Stilmittel, die Michel Foucault verwendet
Stilmittel, die Michel Foucaults Stil definieren.
Parallelreihe (Anapher)
Wer Abschnitte parallel benennt, erreicht etwas, das ein erklärender Absatz nicht kann. Das Kapitel über die gelehrigen Körper geht durch die Kunst der Verteilungen, die Kontrolle der Tätigkeit, die Organisation der Entwicklungsverläufe und die Zusammensetzung der Kräfte, vier gleich gebaute Titel. Wer den ersten verstanden hat, bekommt eine Schablone für die drei folgenden und wendet seine Aufmerksamkeit den Unterschieden zu, nicht der Grammatik. Deshalb ist Parallelbau leicht zu lesen und schwer zu vergessen. Der Preis: Die Form verspricht eine vollständige Reihe. Wer sie in der Mitte bricht, hat keine Reihe mehr. Also führe sie zu Ende und stell das Glied, das die Meinung dreht, an den Schluss.
Antithese mit vorher gestellter Falle
Die Wendung, die die meisten zitieren, lautet nicht dies, sondern das, und in der Nachahmung misslingt sie aus einem Grund, der nichts mit Geschmack zu tun hat. Eine Verneinung lässt sich nur dann leicht verarbeiten, wenn die Leser das Verneinte gerade im Kopf haben. Sag jemandem, ein Hering sei kein Säugetier, und er fragt sich, wer das behauptet hat. Der Zug hat also zwei Teile, und den ersten überspringen die Nachahmer: Foucault formuliert die naheliegende Erklärung im Vokabular seiner Leser, lang genug, dass sie geglaubt wird, und streicht sie erst danach. Achte beim nächsten Mal auf den Aufbau. Er steht ein oder zwei Sätze vorher und macht die undankbare Arbeit.
Der Katalog (Enumeratio)
Ein Fall ist eine Anekdote, eine Reihe von Fällen ist ein Klima, und genau darum listet er. Das Kapitel über die große Einsperrung bringt unter ein Dach, was heutige Leser in getrennte Häuser sortieren würden: Bettler, Arbeitslose, Wahnsinnige, Geschlechtskranke, Gotteslästerer, Müßiggänger. Die Liste behauptet nichts. Die Leser behaupten, sobald sie gemerkt haben, dass eine einzige Einrichtung all diese Menschen aufnahm und dass jemand die Kategorien zusammengelegt hat. Zwei Regeln halten einen Katalog: Jedes Glied muss eine neue Seite zeigen statt die Stimmung zu wiederholen, und die Reihenfolge muss deine sein. Eine Liste, die man ohne Verlust mischen kann, war Dekoration.
Die Akte steht für die Person
Er lässt ein Dokument eine Beziehung tragen, für die andere einen Aufsatz brauchen. Die Prüfung bringt einen Menschen zu Papier, und wer zu Papier gebracht ist, ist ein Fall: vergleichbar, abgelegt, an einer Norm messbar. Sag das mit Register, Eintrag und Spalte, und das Argument bleibt überprüfbar, weil ein Formular etwas ist, worüber zwei Leute öffentlich streiten können. Sag es mit dem Wesen des Menschen, und es verdampft. Das Verfahren hält die Abstraktion am Boden, und es trägt weiter als eine Metapher, aus einem schlichten Grund: Die Metapher hätte er erfunden, das Register stammt von jemand anderem.
Nachahmungsfehler
Häufige Fehler beim Nachahmen von Michel Foucault.
Verben zu Substantiven machen und stapeln
Der Entwurf füllt sich mit Wörtern wie Problematisierung, Subjektivierung und Normativität, und beim Schreiben fühlt sich das tiefer an, während die Handelnden verschwinden. Tatsächlich wurde ein lebendiges Verb zu einem leblosen Substantiv einbalsamiert, und mit dem Verb ging die Auskunft darüber verloren, wer etwas getan hat. Im Deutschen ist die Versuchung größer als im Französischen, weil der Nominalstil hier als Bildungssprache gilt. Foucaults Abstraktionen zeigen dagegen auf etwas: Hinter dem Dispositiv liegt ein Formular, ein Stundenplan, ein Raum mit einer Tür. Prüf jede Abstraktion mit einer Frage. Kann sie eine Handlung nennen, die jemand an einem Nachmittag ausgeführt hat? Wenn nicht, streich sie und beschreib den Nachmittag.
Beschreibung durch Urteil ersetzen
Die Nachahmung kippt binnen einer Seite in Hohn: Einrichtungen werden zu Schurken, Reformen zu Tricks, und Verdacht wird behandelt, als wäre er ein Befund. Die Kosten sind handwerklich genau zu benennen. Wenn jede Praxis am Ende Kontrolle heißt, lohnt keine Unterscheidung und kein Beleg, und die Leser spüren die Folgerung, bevor der Beweis da ist, und überfliegen den Rest. Bei Foucault bleiben Unterscheidungen teuer: diese Praxis, in diesem Jahrzehnt, in dieser Art von Einrichtung, an diesem Körper. Und die Verfahren funktionieren meist ohne bösen Willen. Genau das macht sie schwer bestreitbar, während ein Schurke die Leser entlasten würde.
Alle Epochen zugleich behaupten
Ein großer Denker klingt nach großen Sätzen, also schreibt die Nachahmung Aussagen über alle Epochen und alle Gesellschaften und stützt sie mit drei Beispielen. Kopiert wurde die falsche Größe. Foucaults Autorität kommt von Zäunen, und die Zäune stehen sichtbar im Text: ein Zeitraum, eine Einrichtung, ein Verfahren, manchmal ein einzelnes Jahrzehnt in einem einzigen Land. Nimm sie heraus, und du lieferst deinen Lesern eine Gewinnstrategie. Eine Ausnahme erledigt eine Überall-Behauptung, und aus der Darstellung wird eine Debatte auf fremdem Boden. Bau den lokalen Beweis so gut, dass deine Leser nach dem größeren Muster greifen, bevor du es anbietest.
Mit der Konstruktions-Pointe schließen
Die letzte Zeile verkündet, der behandelte Gegenstand sei ein Konstrukt, und der Text hört auf, als wäre die Verkündung das Argument. Wer bis dahin mitgegangen ist, kann damit nichts anfangen. Interessant wird die Behauptung erst, wenn die Konstruktion gezeigt wurde: wer sie gebaut hat, woraus, unter welchem Druck, und was danach möglich war und vorher nicht. Foucaults Schlüsse weiten, statt aufzulösen. Am Ende von Überwachen und Strafen führt der Weg vom Gefängnis zur Erziehungsanstalt Mettray und weiter zu Schulen, Werkstätten und Krankenhäusern, die dieselben Techniken teilen. Der Gegenstand wird größer, nicht luftiger. Lass deinen Lesern etwas, das sie sich ansehen können.
Bücher
Häufig gestellte Fragen
- Wie sah der Schreibprozess von Michel Foucault aus?
- Zuerst kam das Sammeln, dann die Regel. Seine Bücher lesen sich, als hätte er in Archiven mit Fallakten, Verordnungen, Handbüchern und Gutachten gesessen, bis ein Muster nicht mehr wegging, und erst danach den Satz geschrieben, der es benennt. Die Reihenfolge steht im fertigen Text: Die kleinen Beschreibungen kommen lange vor der allgemeinen Behauptung, die sie stützen. Es gibt einen zweiten Hinweis. Die Archäologie des Wissens entstand nach den drei Büchern, die sie beschreibt, als eine Methode, rückwärts aus getaner Arbeit gewonnen. Für den eigenen Prozess heißt das: sammeln, ordnen, formulieren, und zwar getrennt. Wer alles zugleich macht, schreibt trocken oder nebelig, aber nicht geführt.
- Wie baut Foucault ein Kapitel ohne Handlung?
- Jeder Absatz erledigt drei Dinge in dieser Ordnung: ein Befund, eine Folge, die Benennung eines Feldes, in dem etwas möglich wird. Der Befund ist klein und überprüfbar. Die Folge ist unbequem und ergibt sich aus dem Befund, nicht aus einer Meinung. Die Benennung verschiebt den Boden, und deshalb hat der Absatz Bewegung. Kapitel weiten sich am Schluss, statt zusammenzufassen: Der Gegenstand reicht plötzlich über die Mauern hinaus, auf die man gerade geschaut hat. Probier das Muster an einem Bericht aus dem Beruf. Wer pro Absatz eine Frage schließt und eine größere öffnet, hält seine Leser über den Punkt hinaus, an dem eine Zusammenfassung sie entlassen hätte.
- Wie nutzt Foucault Geschichte, ohne eine Chronik zu schreiben?
- Er sucht die Momente, in denen eine Praxis ihre Form behält und ihre Aufgabe wechselt. Die Leprosorien Europas standen lange leer, nachdem die Krankheit zurückgegangen war, und später nahmen dieselben Häuser und dieselben Ausschlussrituale eine andere Bevölkerung auf. Das sagt über das Funktionieren der Einsperrung mehr als eine durchlaufende Chronik der Anstalten. Daten sind bei ihm Scharniere. Sie markieren, wo eine Funktion kippt, und die Jahre zwischen den Scharnieren überquert ein Nebensatz. Dafür braucht niemand ein Geschichtsstudium. Nimm zwei Momente, in denen dein Gegenstand die Aufgabe wechselte und den Namen behielt, beschreibe beide und füll die Lücke nicht mit dem Wort Fortschritt.
- Wie überträgt man Foucaults Methode in klare, nicht-akademische Prosa?
- Behalte die Operationen, lass den Satzbau weg, dann überlebt die Methode auch in kurzen Sätzen. Ein Text über Bewerbungen kann das Formular nennen, die Person, die es ausfüllt, das Feld, das entscheidet, und das Gespräch, das nur existiert, damit der Satz entsteht, für den das Formular Platz hat, und zwar ohne ein einziges abstraktes Substantiv. Das ist der ganze Motor: Wer sortiert, mit welcher Prüfung, in welche Akte, mit welcher Folge für die Person, deren Name darin steht. Der Journalismus macht das täglich und nennt Foucault dabei selten. Übertragbar war nicht der Satzbau, und wer die langen Sätze mitnimmt und das Verfahren liegen lässt, hat die Verpackung kopiert.
- Welches Buch von Michel Foucault lehrt am meisten über das Schreiben?
- Überwachen und Strafen, und die ersten Seiten genügen, um die Methode arbeiten zu sehen. Dort stehen das Dokumentenpaar, das nüchterne Register über unerträglichem Material, der fehlende Brückensatz und die aufgeschobene Behauptung, auf so wenig Platz, dass man es im Buchladen im Stehen lesen kann. Danach zeigt das Kapitel über den Panoptismus, wie Zurückhalten auf Kapitellänge funktioniert. Die Ordnung der Dinge ist das bessere Buch für die Eröffnung und das schwerere zu lesen. Für die Absatzmechanik nimm ein Kapitel aus dem Willen zum Wissen und markiere, wo jeder Absatz vom Befund zur Folge dreht. Die Drehstelle sitzt meist an derselben Position.
- Aus welchem Material baut Foucault seine Argumente?
- Vor allem aus Dokumenten, und meist aus solchen, die vorher kaum jemand für lesenswert hielt: Gefängnisordnungen, Schulregeln, Gutachten, Stundenpläne, Polizeiakten, das Papier, mit dem eine Einrichtung mit sich selbst spricht. Diese Wahl ist so handwerklich wie gelehrt. Ein Zitat aus einem Formular ist schwer zu bestreiten und leicht zu prüfen, und es macht die Leser zu Zeugen statt zu Schülern, während ein Zitat aus einer Theorie verlangt, zwei Leuten gleichzeitig zu glauben. Der Preis gehört dazu. Die Auswahl wird zum eigentlichen Argument, denn wer das Archiv wählt, wählt mit, was es beweisen wird. Der einzige Schutz ist Genauigkeit: Nenne das Material so, dass jemand den Rest davon selbst finden kann.
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